Historikerin Kalkandjiewa im Interview: "Die politischen Karten haben sich geändert"

20. März 2007, 12:32
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Der Patriarch von Konstantinopel hat viel Macht verloren, doch eine Reihe orthodoxer Kirchen will das ändern

Standard: Bartholomaios I. lebt wie ein König ohne Land in Istanbul. Wie viel Einfluss hat er wirklich über die orthodoxen Kirchen?

Kalkandjiewa: Das ist eine sehr problematische Frage. Patriarch Bartholomaios hat durch die ersten ökumenischen Konzile im vierten bis achten Jahrhundert nach Christus eine Reihe von besonderen Vorrechten, ähnlich wie sie heute für den Papst der römisch-katholischen Kirche gelten. Doch die politischen Karten haben sich seither geändert, die Kirchen spalteten sich, das Osmanische Reich entstand, der Großteil der griechischen Gläubigen, über die der Patriarch in Konstantinopel noch Einfluss hatte, wanderten nach dem Ersten Weltkrieg ab.

Heute muss der Patriarch türkischer Staatsbürger sein, gewählt wird er von türkischen Metropoliten. Eine Reihe orthodoxer Kirchen – auf Zypern, in Rumänien, Finnland, Estland, in der Ukraine oder Mazedonien – würde allerdings nun den Patriarchen wieder in seine alten Rechte einsetzen wollen.

Standard: Welche Rolle kann die orthodoxe Kirche in der Debatte zwischen Christen und Muslimen übernehmen?

Kalkandjiewa: Auf dem Balkan ist die Haltung der orthodoxen Kirchen zum Islam und zu den Muslimen sehr stark mit der Geschichte verbunden: zum einen mit der langen Herrschaft durch die Osmanen, zum anderen mit der kommunistischen Ideologie während des Kalten Kriegs, als die Türkei als ein gefährlicher Staat dargestellt wurde.

Auf Regierungsebene und im Alltag ist das Verhältnis zu den Muslimen problemlos, wenn ich es mit Blick auf mein Land, Bulgarien, betrachte. Problematisch sind die Medien und die Art und Weise, wie sie ohne Kenntnisse den Islam präsentieren und über einen „Krieg“ schreiben.

Standard: In der orthodoxen Kirche zählt das Individuum wenig, in der westlich-protestantischen viel. Ist das so?

Kalkandjiewa: Nein, das würde ich nicht so sehen. Der Einzelne wird bei den Orthodoxen weniger unterdrückt. Sie wollen keine perfekte Welt im Diesseits errichten. (Das Gespräch führte Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2007)

  • Zur PersonDie bulgarische Historikerin Daniela Kalkandjiewa (42) leitet das Zentrum für Interreligiösen Dialog an der Universität Sofia und ist derzeit Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.
    foto: standard/regine hendrich

    Zur Person
    Die bulgarische Historikerin Daniela Kalkandjiewa (42) leitet das Zentrum für Interreligiösen Dialog an der Universität Sofia und ist derzeit Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien.

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