"Da rinnt Falschheit zwischen den Zeilen"

22. Juni 2007, 15:18
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Ethikdiskussion nach Geiselnahme in Bawag - "Österreich" und Puls TV rechtfertigten Berichterstattung - Ehrenkodex der österreichischen Presse als Download

Knapp zwei Wochen nach dem unblutigen Ende der Geiselnahme in einer Wiener Bawag-Filiale bleiben Fragen: War es richtig, um 20 Sekunden zeitverzögerte Livebilder vom Gebäude zu zeigen, in dem ein Mann stundenlang Geiseln hielt, wie Puls TV das tat? War es in Ordnung, dass ein Österreich-Journalist den psychisch unter Hochstress stehenden Täter in der Bank anrief? Medienexperten verurteilten beides heftig.

"Wir wollten uns nur erkundigen", wiegelt Österreich-Chefredakteur Claus Reitan im Presseclub Concordia ab. "Wir sendeten in Absprache mit der Polizei", pflichtet Puls-TV-Chef Martin Blank bei. Man habe etwa das Antlitz des Täters nicht gezeigt.

"Da rinnt die Falschheit zwischen den Zeilen heraus", sagt Engelbert Washietl (Initiative Qualitätsjournalimus): "Sobald Menschen gefährdet sind, hat Opferschutz Priorität vor Berichterstattung."

"Ehrenkodex"

Seit fünf Jahren gibt es in Österreich keinen Presserat, der solche Situationen verurteilen könnte. Aber einen journalistischen Ehrenkodex. Der sehe vor, dass "Stresssituationen" nicht auszunützen seien“, betont Astrid Zimmermann. Sie betreut ein Projekt zur Selbstkontrolle der Medien. Ob die Fotos vom nassen Fleck auf der Hose des Täters eine Herabwürdigung darstelle, sei kein Thema, beanstandet Zimmermann. Denn: "Welcher Journalist kennt schon den Ehrenkodex?" (links als Download).

"Eine einfache Idee"

Robert Klug, Oberstleutnant und Medienbetreuer während der Geiselnahme, hätte "die Kameras nicht genehmigt". Reitan beruft sich auf die Spontaneität des telefonierenden Journalisten. Während Österreich-Herausgeber Wolfgang Fellner noch wie berichtet von der Polizei Dank für sein Boulevardblatt einforderte (und dies später zum Witz erklärte), beruft sich Reitan auf den spontanen Einfall eines Journalisten: "Es gibt einen Film über eine Geiselnahme, dort wird am Tatort angerufen. Es war eine einfache Idee." (prie/DER STANDARD; Printausgabe, 13.3.2007)

  • Grundsätze für die publizistische Arbeit - Ehrenkodex für die österreichische Presse.

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