"Für Österreich gilt es in erster Linie, für perfekte Organisation zu sorgen"

12. März 2007, 21:32
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Otto Reh­hagel sagt, was man nicht unbedingt hö­ren will - er sprach in Wien über Ivanschitz, Po­gatetz, das ÖFB-Team und Red Bull

Wien - Im Rahmen der Startschuss-Gala des Vereins "2008 - Österreich am Ball" am Montagabend in der Wiener Hofburg war auch Otto Rehhagel als Gast geladen. Der deutsche Erfolgstrainer führte die griechische Fußball-Nationalmannschaft sensationell zum Europameistertitel 2004 und strebt derzeit mit den Hellenen die Qualifikation für die EURO 2008 in Österreich und der Schweiz an. Wenige Monate vor Beginn des Großereignis sprach der 68-Jährige im Hotel Sacher unter anderem über seine Erfahrungen als Coach und die EM-Chancen des ÖFB-Teams.

Der Frage, ob Österreich 2008 in eine ähnliche Rolle schlüpfen könnte wie Griechenland 2004, wich Rehhagel aus. "Für Österreich gilt es in erster Linie, für eine perfekte Organisation zu sorgen", sagte der frühere Bremen-Meistermacher. "Das österreichische Nationalteam ist derzeit nicht Weltklasse, aber man stellt hohe Ansprüche."

"Alles zu gewinnen und nichts zu verlieren"

Der Unterschied in der Erwartungshaltung ist laut Rehhagel auch verantwortlich dafür, dass man die Ausgangspositionen nicht miteinander vergleichen könne. "Wir waren unendlich glücklich, dass wir uns überhaupt qualifiziert haben. In der Öffentlichkeit hat man keine großen Erwartungen gehabt."

Trotz der Außenseiterrolle traut Rehhagel dem österreichischen Nationalteam bei der EURO einiges zu. "Wenn das erste Spiel losgeht, kannst du alles, was vorher war, vergessen. Die Spieler können und müssen über sich hinauswachsen", betonte die Trainer-Legende. "Ihr habt im Grunde alles zu gewinnen und nichts zu verlieren."

ÖFB-Spieler unbekannt

Österreich müsse sich damit abfinden, nicht permanent mit Ausnahme-Kickern gesegnet zu sein. "Der liebe Gott schickt die Menschen zur Erde, und er hat halt noch keinen zweiten Ocwirk geschickt. Manchmal hat man Glück und man hat fünf, sechs sehr starke Spieler wie Österreich in der 78er-Mannschaft. Aber der liebe Gott schickt nicht immer einen Pezzey", sagte Rehhagel, dem die meisten aktuellen ÖFB-Teamkicker unbekannt sind. "Aber ich muss mich ja um meine Spieler kümmern."

Ein Begriff ist dem Deutschen Kapitän Andreas Ivanschitz, von dessen Qualitäten er sich schon persönlich überzeugte. "Ich habe ihn bei Panathinaikos einige Male gesehen, da hat er mir sehr gut gefallen. Er ist technisch perfekt." Allerdings würde Rehhagel den Burgenländer lieber in der Spielmacher-Rolle als links (bei Panathinaikos) oder rechts (zuletzt im Nationalteam) im Mittelfeld sehen. "Ich habe eher das Gefühl, dass er mehr ins Spielgeschehen eingebunden werden sollte."

Kein Vergleich mit Herzog

Parallelen zwischen Ivanschitz und dem aktuellen Teamchef-Assistenten Andreas Herzog, den Rehhagel bei Werder und bei den Bayern als Spieler betreute, wollte der dreifache deutsche Meistertrainer (zweimal mit Werder, einmal mit Kaiserslautern) nicht ziehen. "Man kann Spieler nicht miteinander vergleichen." Herzogs Rolle als Teamchef-Assistent begrüßte der Coach als Möglichkeit, um Erfahrung für den Trainerjob zu sammeln: "Er ist ein intelligenter Junge, aber man muss das auch lernen und sollte sich nicht gleich irgendwo reinstürzen."

Mit Ratschlägen für ÖFB-Teamchef Josef Hickersberger, der in den 70er-Jahren in Offenbach unter Trainer Otto Rehhagel gespielt hat, hielt sich der 68-Jährige zurück. "Er muss genau das machen, was er will, er hat die Richtlinienkompetenz." Das Vorgehen von "Hicke" nach der "Causa Pogatetz" hält Rehhagel für gerechtfertigt. "Wenn ein fauler Apfel im Sack voller schöner Äpfel stört, muss man den entfernen."

"Alte und junge Spieler gibt's nicht"

Die Chancen auf ein Trainer-Duell Hickersberger - Rehhagel im Rahmen der EURO stehen nicht schlecht. Die Griechen liegen in der Qualifikations-Gruppe C mit drei Siegen aus drei Partien auf Rang zwei hinter der punktegleichen Türkei, die am 24. März in Athen gastiert. Der griechische Teamchef warnte aber davor, dass sich seine Schützlinge schon bei der EM wähnen. "Wir sind gut gestartet, aber der Ball ist erst im Tor, wenn er mit vollem Umfang die Linie überschritten hat."

Sein Erfolg mit den Griechen ist laut Rehhagel eine Systemfrage. "Wenn man gegen einen übermächtigen Boxer wie Cassius Clay kämpft, kann man auch nicht in den Ring gehen und kämpfen wie er. Man muss sich eine Strategie ausdenken. Wir haben die Leute 2004 mit einer eigenen Strategie überrascht", meinte der Deutsche. "Wir sind aber auch Europameister geworden, weil wir gute Spieler hatten", erklärte Rehhagel, der nach eigenen Angaben noch 90 Prozent seiner EURO-2004-Helden im aktuellen Kader hat. "Alte und junge Spieler gibt's nicht, nur gute und schlechte."

Unmittelbar nach dem EM-Titel schlug der 68-Jährige das Angebot aus, DFB-Teamchef zu werden. "Das war auch eine emotionale Entscheidung. Wir sind nach dem Titelgewinn von 1,5 Millionen Menschen empfangen worden, und die Spieler haben mich gebeten, zu bleiben."

Rehhagel entschied sich damals dafür, seinen Vertrag zu erfüllen - eine Vorgehensweise, die auf Grund finanzieller Verlockungen sowohl im Spieler- als auch im Trainer-Sektor immer seltener wird. Der 68-Jährige betrachtet die immer stärker werdende Dominanz des Geldes mit Sorge. "Früher hat es im Fußball noch so etwas wie Chancengleichheit gegeben. Heute wird dort der beste Fußball gespielt, wo das meiste Geld ist. Ich bedaure diese Entwicklung zwar, kann sie aber nicht ändern."

Auch mit dem wachsenden Einfluss der Klub-Manager hat Rehhagel ein Problem. "Ich täte mir damit schwer, wenn etwa ein früherer VW-Manager zu mir kommt und mir sagt, was ich tun soll. Wenn der Trainer und der Manager nicht befreundet sind und aus der gleichen Sparte kommen, geht das nie gut", prophezeite der Trainer, dem nach eigenen Angaben zu Weihnachten drei Angebote aus der deutschen Bundesliga vorlagen.

Klassespieler kommen nicht zu Red Bull

Den österreichischen Liga-Krösus Red Bull Salzburg traut Rehhagel eine Champions-League-Teilnahme zu. "Und wenn der Oberboss noch mehr Geld hergibt, werden sie sich weiter verbessern", sagte der Deutsche, wies aber auch darauf hin, dass die absoluten Klassespieler wohl nie in die Mozartstadt kommen werden.

Was seine eigene Zukunft betrifft, ließ sich Rehhagel alle Optionen offen. "Ich lasse alles auf mich zukommen. Vor einigen Jahren hätte ich nicht einmal selbst geglaubt, dass ich einmal als griechischer Teamchef Europameister werde." Die Hellenen wollen den bis 2008 laufenden Vertrag des Deutschen, der in der Vergangenheit auch als Anwärter auf den ÖFB-Teamchefposten galt, schon vorzeitig bis 2010 verlängern.(APA)

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    Otto Rehhagel zu Gast in Wien.

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