Viele Keime braucht der Darm

12. März 2007, 12:15
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Hinter diffusen Bauchschmerzen können entzündliche Darmerkrankungen stecken. Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind die häufigsten und hartnäckigsten.

Es ist eine bunte Gesellschaft, die unseren Dickdarm bevölkert. 400 bis 500 verschiedene Bakterienarten, 17 Typen, insgesamt etwa 100.000 Milliarden Mikroorganismen bilden die Darmflora. Sie zerlegen die Nährstoffe, reinigen und pflegen den Darm, schützen vor pathogenen Keimen, beseitigen den Abfall. Der Körper toleriert die friedliche Bakterien-Armada. "Das ist seine lebenslange Aufgabe", sagt der Haller Internist und Immunologe Herbert Tilg, ein Spezialist für Entzündungsforschung. Verliert aber der Körper die Toleranz, spielt die körpereigene Abwehr verrückt, und es entstehen Entzündungen.

Betroffene Menschen verspüren diffuse Bauchschmerzen, sind müde, lustlos, leiden unter Durchfall, verlieren an Gewicht.

Verrückte Verdauung

Die Beschwerden kommen meist schubweise, einmal stärker, dann wieder schwächer. Gerade dieses wechselnde Krankheitsbild verunsichert Patienten und ihre behandelnden Hausärzte. Im Durchschnitt dauert es drei bis vier Jahre, bis endlich die Diagnose "chronisch entzündliche Darmerkrankung" (CED) gestellt werden kann.

Die häufigsten CED sind einerseits Morbus Crohn - benannt nach dem Amerikaner Burrill Bernard Crohn, der die Krankheit 1932 erstmals beschrieben hat - und andererseits Colitis ulcerosa. Beim Morbus Crohn kann die Entzündung den gesamten Verdauungstrakt vom Mund bis zum After erfassen, bei der Colitis ulcerosa ist der Dickdarm betroffen. 30.000 bis 40.000 Menschen in Österreich leiden an diesen Krankheiten, auf 100.000 Menschen kommen acht bis zehn Neuerkrankungen pro Jahr. Meist junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, aber auch immer mehr Kinder und Jugendliche. Die Krankheiten verlaufen chronisch, sind überaus komplex, und genau das macht eine Behandlung auch schwierig.

Therapie

Neue Therapiemöglichkeiten waren ein Schwerpunkt beim "Meeting of the European Crohn's Colitis Organisation (ECCO)", einer Veranstaltung, die Anfang März in Innsbruck stattfand und an der 1000 Expertinnen und Experten aus ganz Europa teilgenommen haben. Tilg: "Wir wollen die Therapie der Erkrankungen standardisieren und Behandlungen abstimmen, Richtlinien diskutieren, wie man sie diagnostiziert, therapiert, wie man Spiegelungen oder Verlaufsbeobachtungen macht." Zu den neuen Therapien zählen beispielsweise Biologicals, Substanzen, die gezielt die krankmachenden Eiweiße, wie den Tumor Nekrose Faktor (TNF), hemmen. Denn TNF ist einer der Hauptverursacher von Entzündungen. Spezifische Antikörper gegen TNF wurden entwickelt, und diese Anti-TNF-Strategien bewähren sich auch bei der Behandlung von Morbus Crohn und bei Colitis ulcerosa.

Zivilisationskrankheit

Eingesetzt wird diese Therapie vor allem bei jenen 20 bis 30 Prozent der Patienten, die auf herkömmliche Therapien wie Immunsuppressiva oder Steroide (Kortison) nicht angesprochen haben. Noch gehört Kortison zur Standardtherapie bei CED. Gegen eine Kortison-Dauertherapie sprechen aber vor allem die starken Nebenwirkungen, die CED-Patienten mitunter schwer zu schaffen machen.

Ursache unbekannt

CED sind - wie es scheint - Erkrankungen der westlichen Industriegesellschaften. Ihre Ursachen sind bisher noch unbekannt. Man weiß noch nicht, wie ausschlaggebend neben einer gewissen genetischen Empfänglichkeit auch die Ernährung und eine Reihe anderer Umweltfaktoren sind. "Es sind Umweltfaktoren, die noch keiner kennt", sie dürften eine große Rolle spielen, dafür spreche die stetig steigende Zunahme, besonders bei jungen Menschen, sagt Arthur Kaser, Oberarzt an der Universitätsklinik für Innere Medizin Innsbruck.

Über den genetischen Hintergrund hingegen weiß man mehr, gerade bei Morbus Crohn wurden in den letzten Monaten neue genetische Risikofaktoren identifiziert, die in der Folge nun näher untersucht werden.

Der Schlüssel zur Krankheit wird in der körpereigenen Abwehr, in den Panethzellen, vermutet. Diese speziellen Epithelzellen des Darmes bauen Eiweiße (Defensine), die das friedliche Keimmilieu verteidigen, indem sie das Wachstum bestimmter Bakterien hemmen.

Regulierende Keime

"Das ist so eine Art körpereigene Antibiotikafabrik", zieht der Internist Tilg einen Vergleich. Funktioniert die Produktion der Panethzellen dort nicht mehr, kommt es zu Entzündungen. Der Stuttgarter Pharmakologe Jan Wehkamp sieht Morbus Crohn als ein "Defensinmangelsyndrom".

Was die Panethzellen tatsächlich in ihrer Funktion stört, ist noch ungeklärt. Kaser schließt die Möglichkeit einer "einfachen Lösung" aus, zu komplex seien die Erkrankungen: "So heterogen, wie sich die Krankheit darstellt, wird wahrscheinlich auch der Hintergrund sein - der genetische wie der umweltbedingte." Aber, so Arthur Kaser, "wir stehen kurz vor dem Durchbruch zum mechanistischen Verständnis, das uns dann maßgeschneiderte Therapien erlauben wird". (DER STANDARD, Printausgabe, Jutta Berger, 12.3.2007)

  • Bilder aus dem Darm: Morbus Crohn, dargestellt in einer Sonografie. Zu sehen sind die Folgen der chronisch verlaufenden Entzündung.
    foto: albertinen krankenhaus hamburg

    Bilder aus dem Darm: Morbus Crohn, dargestellt in einer Sonografie. Zu sehen sind die Folgen der chronisch verlaufenden Entzündung.

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