Pressestimmen: "Ideologischer Chamäleonismus"

17. März 2007, 12:42
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The Daily Telegraph: Der Mann hat eine gewisse Charakterausdehnung

Paris - Die Entscheidung des französischen Präsidenten Jacques Chirac, nach zwölfjähriger Amtszeit auf eine nochmalige Wiederkandidatur zu verzichten, wird am Montag von der internationalen Presse kommentiert:

"Le Figaro" (Paris):

"Man kannte den Inhalt dieser Abschiedsrede. Doch man war nicht auf den emotionalen Ton gefasst, auf das 'ich liebe Sie', als er sich in seiner Rede direkt an die Franzosen wandte. Töne, die man von diesem diskreten, zurückhaltenden und verschlossen Mann nicht gewohnt ist. Jacques Chiracs zwölfjährige Amtszeit ist reich an Tiefschlägen und Niederlagen, aber auch an unerwarteten Höhen und enttäuschten Hoffnungen. Zwischen ihm und seinen Anhängern war ein großer Graben voller Missverständnisse entstanden. Denn eigentlich war Chirac gar nicht für die Rechte bestimmt. Doch er wollte es nicht sagen, denn er war in einer Rolle gefangen, die ihm das Leben und sein Ehrgeiz zugewiesen haben."

"Libération" (Paris):

"Weil er der Star bleiben will, hat er vorerst keinen Favoriten genannt. Doch das wird noch kommen - denn die Identität seines Nachfolgers wird zeigen, welche Bilanz die Franzosen über ihn ziehen: Wenn sie (die sozialistische Kandidatin Segolene) Royal wählen, muss Chirac zugeben, dass er vor allem den Wunsch nach Veränderung genährt hat. Wenn sie sich für (den Zentrumsdemokraten Francois) Bayrou entscheiden, bedeutet dies, dass der Staatschef zwölf Jahre lang die Politik so sehr verdorben hat, dass die Franzosen an nichts mehr glauben, weder an die Linke noch an die Rechte. Nur wenn Sarkozy die Wahl gewinnt, kann Chirac daraus den Schluss ziehen, dass die Franzosen ihm Applaus zollen. Denn der Chef der Regierungspartei UMP ist derjenige, der ihm am meisten ähnelt."

"The Daily Telegraph" (London):

"Der Mann hat eine gewisse Charakterausdehnung, eine beeindruckende Vitalität und weit gefächerte Interessen: Er ist, unter anderem, ein begeisterter Anhänger des Sumo-Ringens. Doch als Politiker verkörperte er vieles von dem, was schlecht ist in der französischen Politik, und er profitierte davon auch. Es ist eine ähnliche Geschichte wie 1996, als dieser unheilvolle Ganove Francois Mitterrand starb. Margaret Thatcher, die nicht schlecht von einem Toten sprechen wollte, zollte ihm mit einer geschickten Formulierung Tribut: 'Er war ein echter Europäer, der die Qualitäten seines Landes verkörperte'".

"Corriere della Sera" (Mailand):

"Sein Leben und ein Stück französischer Geschichte sind vorbeigezogen, und die Franzosen haben vergeblich auf ein Signal gewartet, wer sein Nachfolger werden könnte. Der Präsident, der im November 75 Jahre alt wird, hat seine Mitbürger aufgerufen, gegen jede Form des Extremismus, Rassismus und Antisemitismus standhaft zu sein. Seine zweite Botschaft war der Grundsatz des Vertrauens und der Hoffnung: Die Franzosen müssten nicht fürchten, dass die Globalisierung ihr soziales Modell hinwegfegt, zugleich dürften sie aber auch keine Anst haben, dieses Modell zu reformieren. Die dritte Botschaft war zum Thema Europa, sicherlich der dunkelste Teil seiner Bilanz, wie er selbst eingeräumt hat."

"La Stampa" (Turin):

"Der Entschluss, sich nicht mehr in das politische Getümmel eines dritten Mandats zu werfen, obgleich Jacques Chirac damit bereits seit längerer Zeit liebäugelte, war unvermeidlich. Der Mann war müde, verbraucht, die Werte in den Meinungsumfragen versackten in der Mittelmäßigkeit, die Zeit und die Menschen gingen über ihn hinweg. Was von ihm in Erinnerung bleibt, das erkennen selbst seine schärfsten Kritiker an, ist die außergewöhnliche politische Operation zu seiner plebiszitären Wiederwahl im Jahr 2002, das lautstarke Nein an die Adresse der Amerikaner zum Irak-Krieg sowie eine Fußballweltmeisterschaft."

"Der Tagesspiegel" (Berlin):

"Für den 74-jährigen Präsidenten geht ein politisches Leben zu Ende, das fast auf den Tag genau vor 40 Jahren mit seiner Wahl zum Abgeordneten des Départements Corrèze begann. Seine Leidenschaft für die Macht hatte er als Mitarbeiter seines Mentors, des damaligen Premierministers Georges Pompidou entdeckt. Sie sollte ihn über alle Etappen seiner Karriere nicht mehr verlassen. Die Bilanz seiner zwölfjährigen Amtsführung fällt indes mager aus. Nach verlorenem Wahlpoker musste er fünf Jahre lang (1997-2002) die Macht mit den Sozialisten teilen. Nach seiner Wiederwahl 2002 fehlte ihm der Wille zu Reformen. Sein größter Reinfall war 2005 das Nein der Franzosen zur EU-Verfassung.

"Frankfurter Rundschau":

"Der Mann, der - wohl kalkuliert nach dem Frühjahrsgipfel der EU - via Fernsehansprache erklärte, dass er nicht für eine dritte Amtszeit kandidiere, tat dies auch bewegt, aber in seiner Rolle als Staatsmann. Chirac hat das Bild Frankreichs in den vergangenen zwölf Jahren geprägt, Der heute 74-Jährige verkörpert eine Generation von Politikern, die anderswo in Europa schon Abschied von der Macht genommen hat. Genau diese Macht aber diente dem 'Krokodil', wie er wegen seiner Fähigkeit zum Abwarten und blitzschnellen Zuschlagen genannt wurde, als Lebenszweck. (...) Niemand gelangt ohne ein gehöriges Maß an Durchsetzungskraft und Intelligenz an die Spitze Frankreichs. Chirac nutzte beides - ohne auf Freund und Feind viel Rücksicht zu nehmen. Enttäuschte Weggenossen säumen seinen Weg."

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Die erwartete Absage Chiracs fällt in eine Situation, die für den Wahlkampf entscheidend sein kann. Erstmals erscheint es laut den Umfragen vom Wochenende nun denkbar, dass Francois Bayrou, der sich als Protagonist der Mitte sieht, in den zweiten Wahlgang einziehen, also die Sozialistin Ségolène Royal verdrängen könnte. Umso mehr ist dem bürgerlichen Kandidaten Sarkozy daran gelegen, dass ihm Chirac den Rücken stärkt."

"Kommersant" (Moskau):

"Mit dem Abgang des französischen Präsidenten endet eine Ära im Nachkriegseuropa. In seiner Karriere hat Chirac alles getan, um möglichst lange in der Politik zu bleiben - ein halbes Jahrhundert. Kein künftiger Präsident Frankreichs wird ein solches Gewicht und einen solchen Lebenslauf vorzuweisen haben wie der 'Eurosaurier' Chirac. Doch wahrscheinlich braucht er das auch nicht. Denn im Mittelpunkt der französischen Politik steht heute nicht mehr der Streit der Persönlichkeiten, sondern der Kampf der Ideen. Da bleibt für ein Relikt wie Chirac kein Platz." (APA/dpa)

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