Experte sieht "psychologische Kriegsführung"

22. März 2007, 17:15
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Ulfkotte: "Stimme des Kalifats" im deutschsprachigen Raum und in England aktiv - Tophoven: Terrordrohungen gegen Deutschland ernst zu nehmen

Erfurt - Der deutsche Terrorexperte Rolf Tophoven hält die jüngsten Terrordrohungen gegen Deutschland für ernst zu nehmend. Die Situation sei "Besorgnis erregend", sagte Tophoven der Zeitung "Thüringer Allgemeine" (Montag-Ausgabe). Dies gelte auch wenn die Behörden noch "keine Hinweise" auf konkrete Anschläge hätten".

Tophoven hält einen Zusammenhang der Drohung von Islamisten mit der Entscheidung des Deutschen Bundestages zur Entsendung von Aufklärungsflugzeugen vom Typ Tornado nach Afghanistan für möglich. "Ich habe immer gesagt: Je mehr wir uns da engagieren, umso eher werden wir Terror-Zielgebiet", sagte der Experte. Zwar sei auch nicht auszuschließen, dass es sich um kriminelle Terrortrittbrettfahrer handle. Tatsache sei aber, "dass es sich hier um absolute Medienprofis handelt".

Ulfkotte: Keine "unmittelbare Gefahr" für Österreich

Als "psychologische Kriegsführung" bezeichnete der deutsche Terrorexperte Udo Ulfkotte den Terroraufruf der Organisation "Stimme des Kalifats" gegen Österreich wegen dessen Beteiligung am Einsatz in Afghanistan. "Zum einen wollen sie unter der Bevölkerung Panik verbreiten, zum anderen Sympathisanten zeigen, wie schwach der Westen reagiert", sagte der Autor ("Heiliger Krieg in Europa") im APA-Interview. Zumindest kurzfristig sieht Ulfkotte aber keine akute Gefahr von Anschlägen in Österreich.

Die Gruppe "Stimme des Kalifats" ist Ulfkotte zufolge sowohl im deutschsprachigen Raum als auch in England aktiv. Einer der Server, der von ihnen benutzt wird, steht etwa in Erfurt in Deutschland. "Es ist ein Propaganda-Arm mit Kontakten zu Al Kaida. Sie gehen auf die Muslimbruderschaft zurück", sagte der Autor. Anschläge wurden von der Gruppe bisher nicht selbst durchgeführt.

Bei der Formulierung ihrer Drohbotschaften geht die Gruppe dem Experten zufolge sehr raffiniert vor. So werde nicht dezitiert zu Terroranschlägen aufgerufen, sondern verbreitet, dass jemand auf Grund von bestimmten Vorfällen zu Anschlägen motiviert werden könnte.

"Sie nutzen den Rechtstaat aus. Kein Gericht wird sie dafür verurteilen", meinte Ulfkotte. Dementsprechend offen würde die Gruppe auch agieren. "Sie geben in Deutschland sogar Interviews", so der Autor.

Keine akute Terrorgefahr für Österreich

Gefahr geht von derartigen Botschaften sehr wohl aus. "Junge unzufriedene Muslime im Westen können sich davon angesprochen fühlen", sagte der Experte. In Deutschland waren etwa die "Kofferbomber" - die am 31. Juli 2006 Züge in die Luft jagen wollten - eine kleine autonome Gruppe gewesen, die kaum über Kontakte zu internationalen Netzwerken verfügt hat.

Eine akute Terrorgefahr speziell für Österreich sieht Ulfkotte nicht, auch wenn sich auch in Wien "durchaus gefährliche Islamisten aufhalten würden". "Es braucht Zeit, einen Anschlag zu planen und durchzuführen", meinte der Autor. Langfristig sei aber sehr wohl auch Österreich ein Ziel von Terroristen.

Ulfkotte warnte eindringlich davor, die Gefahr herunterzuspielen. Beinahe alle islamistischen Gruppen würden als letztes Ziel ein weltweites Kalifat haben, das sowohl auf friedlichem als auch auf kriegerischem Weg erreicht werden kann. Um das Phänomen zu begreifen, müsse man sich, so Ulfkotte, von dem "schnelllebigen, christlich-abendländischen Denken" lösen. "Die Islamisten haben Zeit, sie planen sehr langfristig", meinte der Autor. (APA)

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