Familienbilderstreit

25. März 2007, 19:10
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Konflikt um Kinderbetreuung wird auch Österreich und insbesondere der ÖVP nicht erspart bleiben

Die deutsche Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat mit ihrer Forderung nach mehr Krippenplätzen für Kleinkinder nicht nur die deutsche Familienpolitik aufgemischt, sondern auch die österreichische. Plötzlich tun sich in beiden Ländern neue Fronten auf, die mitten durch die konservativen Parteien gehen. Dürfen Mütter von kleinen Kindern arbeiten? Sollen sie es gar ? An der bürgerlichen Familie hat der Zweifel zu nagen begonnen.

Familienminister Martin Bartenstein von der ÖVP, als Neoliberaler sonst im Visier der Linken, hat mit der Aussage aufhorchen lassen, jedes Kind bis zu zehn Jahren sollte Anspruch auf einen Betreuungsplatz haben, wenn die Eltern einen Bedarf dafür haben. Er hätte, sagt er, als Vater von fünf Kindern und Ehemann einer berufstätigen Frau, in den letzten Jahren in dieser Frage "umgedacht".

Anders sein Parteifreund, Umweltminister Pröll, sonst als moderner ÖVP-Vordenker auch von Gegnern mit Wohlwollen bedacht. Er will, ganz im Gegenteil, mehr Elterngeld durchsetzen und damit mehr "Wahlfreiheit" für Mütter. Mit anderen Worten: Wer bei den Kindern zu Hause bleibt, soll ermutigt und belohnt werden.

In den bürgerlichen Medien herrscht der gleiche Zwiespalt. Die Presse wirft sich für die berufstätigen Mütter in die Bresche, preist die Regelungen in Frankreich und Skandinavien und verlangt Einrichtungen, die es leichter machen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, von Kinderkrippen bis zur steuerlichen Absetzbarkeit von Babysittern.

Nicht so die linkskatholisch angehauchte Furche. Dort wird argumentiert, Frauen dürften nicht auf ihre Nützlichkeit als Arbeitskräfte reduziert und Mütter, die zu Hause bleiben, nicht als rückschrittliche Heimchen verächtlich gemacht werden. Hier prallen offensichtlich unterschiedliche Familienbilder aufeinander und sie lassen sich nicht unbedingt nur parteipolitisch zuordnen.

Weiter kommt man mit den Begriffen modern und vormodern. In Deutschland ist Ursula von der Leyen die Galionsfigur eines modernen Konservativismus, an dem sich in der CDU die Geister scheiden: Als erfolgreiche Ärztin aus großbürgerlichem Haus, Mutter von sieben Kindern, evangelisch, in den USA geprägt, ist sie für die einen ein Rollenvorbild, für die anderen ein rotes Tuch. Viele CDU-Männer aus katholisch geprägten Regionen, aber auch nicht wenige Frauen, wollen sich von ihr das Bild der traditionellen Familienmutter, die kein Geld verdient und nur für ihre Familie da ist, nicht madig machen lassen.

Dieser Konflikt wird auch Österreich und insbesondere der ÖVP nicht erspart bleiben. "Kinderkrippe" ist dabei mehr als nur eine öffentliche Einrichtung. Es ist ein Codewort, hinter dem eine ganze Weltanschauung steckt, ein vertrautes und liebgewordenes Bild von einer Kindheit, zu der die allezeit vorhandene Mutter unverbrüchlich dazugehört und die nun gefährdet erscheint. Der Kindergarten, vor einigen Jahren ebenfalls angefeindet, ist mittlerweile allgemein akzeptiert. Die Kinderkrippe noch nicht.

Freilich, das Ganze ist ein Mittelschichtproblem. Die leitende bis mittlere Angestellte hat es nach wie vor schwer, ihr Leben zwischen Kind und Beruf auszubalancieren, aber irgendwie geht es.

Die viel zitierte Billa-Kassiererin jedoch ist, wenn nicht die Großmutter einspringt, ohne Betreuungseinrichtungen für ihre Kinder schlicht und einfach aufgeschmissen. Und die 20 Prozent jedes Schulabgängerjahrgangs, die nicht lesen und schreiben können, brauchen eine verpflichtende Vorschule wie einen Bissen Brot. (Barbara Coudenhove-Kalgeri/DER STANDARD, Printausgabe, 12.3.2007)

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