Müller-Böling im STANDARD-Interview: "Universität ist ohne Lehre gar nichts"

11. März 2007, 19:06
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Detlef Müller-Böling tritt für ein Gleichgewicht von Forschung und Lehre ein

Detlef Müller-Böling, Leiter des deutschen Centrums für Hochschulentwicklung, im STANDARD-Interview über exzellente Forscher und charismatische Lehrer, den alten Humboldt und neue Lehrprofessuren. Mit ihm sprach Lisa Nimmervoll.

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STANDARD: Sie sind Mitunterzeichner eines "Aufrufs für eine Exzellenzinitiative für die Lehre" in Deutschland. Warum?

Müller-Böling: Wir haben uns zuletzt sehr stark mit Exzellenz in der Forschung beschäftigt. Um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, sollten wir den Fokus auch auf die Lehre legen.

STANDARD: Warum ist dieses Gleichgewicht gekippt?

Müller-Böling: Ein Grund ist die unglückselige Untertunnelung des Studentenbergs, durch die die Massenunis entstanden sind. Zum anderen ist es weltweit so, dass die Reputation von Hochschullehrern über Forschung entsteht.

STANDARD: Was also tun?

Müller-Böling: Wir müssen zuerst in den Hochschulen sehen, dass Lehre eine der vornehmsten Aufgaben der Universität ist und die Uni ohne Lehre gar nichts ist. Wir brauchen ein gewisses Umdenken. Die Politik will ich aber nicht entlassen, vor allem, weil auf uns in Deutschland ein neues Studentenhoch zukommt.

STANDARD: Was ist gute Lehre?

Müller-Böling: Gute Lehre bedeutet Vielfalt: charismatische Lehrer, herausfordernde Seminararbeiten, Anleitung zum Lesen. Das zu vereinen, ist die größte Herausforderung für alle Massenhochschulen. Natürlich ist es der Lehrer, der in der Lage ist, die Studenten mitzureißen, und an den sie sich auch nach 40 Jahren erinnern. Dazu kommt die Anleitung zum selbstständigen Arbeiten. In jedem Fach gibt es eine andere Kultur des wissenschaftlichen Arbeitens. Das muss gute Lehre vermitteln.

STANDARD: Deutschland plant Lehrprofessuren. Ist damit die Einheit von Forschung und Lehre an ihr Ende gekommen?

Müller-Böling: Wir müssen Humboldt neu denken. Das heißt, wir müssen die Fiktion, dass sich Forschung und Lehre in einer Person immer geradezu genial verknüpfen, aufgeben. Forschung und Lehre als Einheit kann auch in der Institution erfolgen. Es bedeutet nicht, dass der gute Lehrer auch gleichzeitig ein weltanerkannter Forscher sein muss, der in den besten Journals schreibt.

STANDARD: Wird es in Zukunft eine Differenzierung geben in forschungs- und lehrorientierte Fachbereiche oder Unis ?

Müller-Böling: Faktisch gibt es das bereits. Schaut man unser Forschungsranking an, wird deutlich, dass nicht alle Fachbereiche an den Unis gleich viel forschen. Von den 4000 Einrichtungen in den USA, die man als Unis und Fachhochschulen bezeichnen könnte, werden ungefähr 60 zu den Forschungsunis gerechnet. In Deutschland sind von den 260 Hochschulen rund 100 Forschungsuniversitäten. Das zeigt bereits das Missverhältnis von Definition und Realität. Wir bekommen in Europa ein sehr differenziertes Hochschulsystem. Da wird es zunehmend solche Differenzierungen geben, sowohl personell als auch institutionell.

STANDARD: Ist Humboldt passé?

Müller-Böling: Das Humboldt'sche Konzept war für ein bis zwei Prozent eines Altersjahrgangs. Jetzt reden wir von 30, 40, 50 Prozent eines Jahrgangs in bestimmten Volkswirtschaften, die höhere Bildung bekommen. Da kann man die Einheit von Forschung und Lehre - Motto: der deutsche Professor unter der deutschen Eiche mit zwei Studenten - nicht mehr so fortführen. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 12.3.2007)

ZUR PERSON: Detlef Müller-Böling (58) leitet seit 1994 das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) im deutschen Gütersloh.
  • "Wir müssen Humboldt neu denken": Hochschulforscher Detlef Müller-Böling.
    foto: che

    "Wir müssen Humboldt neu denken": Hochschulforscher Detlef Müller-Böling.

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