Das Elend der Uni-Massen

12. März 2007, 09:23
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Vorlesung im Kino, Prüfung in der Konzerthalle: Universitäre Lehre als Kriseneinsatz in Massenfächern

Schlechte Betreuungsverhältnisse bedeuten nicht schlechte Lehre, sondern einen politischen Auftrag.

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1100 junge Menschen auf einem Fleck? Pop-Konzert? Fußball? Clubbing? Nein. Einführungsvorlesung in Psychologie. Nicht im Audimax der Uni Wien mit "nur" 800 Plätzen, sondern im Austria Center. So geschehen im Oktober 2005.

Oder 380 End-Teenager und Anfangs-Twens in tiefen Kinosessels sitzend? Klingt nach Blockbuster auf der Leinwand. Auch falsch. Der Veranstalter des Massenevents im Oktober 2002 hieß WU Wien, der Event "Einstiegsvorlesung" für neue WU-Studierende. Zur Prüfung ging es in die Stadthalle.

Es sind diese universitären Massenveranstaltungen, die Hochschulforscher Hans Pechar meint, wenn er vom "Elend der Massen" an den Universitäten spricht. Wo für die Schulen die Klassenschülerhöchstzahl 25 erstritten wurde, scheint die Politik, egal, welche Farbkombination gerade regiert, an den Unis von Ziffern mit drei Stellen nicht alarmiert zu sein. Meist heißt es: Betrifft ja eh nur ein paar Fächer. Stimmt, etwa ein Dutzend Fächer sind "Massenfächer". Die aber haben es in sich. Dort massieren sich die Studentenflüsse. Es sind universitäre Krisenzonen, in denen die Misere in der Lehre fast systemimmanent wird.

"Etwa die Hälfte aller Studierenden studiert unter schlechten Betreuungsverhältnissen, ein Drittel davon unter extrem schlechten", sagt Uni-Experte Pechar und betont eines ganz klar: "Schlechte Betreuungsverhältnisse heißt nicht, dass die dort Lehrenden zu wenig lehren. Die kommen ordentlich dran." Er hat nachgerechnet und nach einzelnen Fachbereichen differenziert (Grafik links): "Nur das ist aussagekräftig."

Diese Tiefendiagnose lässt sich nur mit den Zahlen von 2002 erstellen, denn aus rätselhaften Gründen weist das Wissenschaftsministerium im Universitätsbericht 2005 nur noch die einzelnen Unis aus - mit dem kommoden Nebeneffekt, dass sich daraus für Österreich ein Durchschnittswert von 25 Studierenden auf eine Professur errechnen lässt.

Als "schlechte" Relationen definierte Pechar jene, die um 50 Prozent über dem Durchschnitt der Betreuungsrelation 1:25 liegen, "extrem schlecht" steht für Verhältnisse, die den Durchschnitt um das Doppelte überragen. Und es geht noch heftiger: 300 Prozent über dem Schnitt kommen auch vor.

Selige Technik-Inseln

Aber es gibt auch nachgerade selige Inseln in der Uni-Landschaft, die sehr gute Betreuungszahlen haben und "sich mehr Studierende wünschen würden", sagt Pechar, etwa technische Disziplinen.

Was den Massen in den unterdotierten Massenfächern nichts hilft, aber ein Symptom des tiefer liegenden Grundproblems im österreichischen Uni-System ist, erklärt der Hochschulforscher. "Teilweise braucht man mehr Köpfe. Aber es gibt auch Fachbereiche, wo es irrig wäre, zu meinen, mehr Lehrpersonal würde das Problem lösen." Es würde keinen Sinn machen, etwa in Psychologie Unmengen an Lehrenden heranzuschaffen, um die Studentenmassen abzufertigen: "Es gibt diesen Arbeitsmarkt überhaupt nicht."

Für Pechar schließt sich der Kreis immer dort, wo er die politische "Ignoranz gegenüber den Ausbildungskapazitäten" sieht. Man habe in Österreich ein "extremes, den Studienbetrieb beeinträchtigendes Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage von Studienplätzen" wuchern lassen. Die Folge sei ein "innerer Numerus clausus" in den Massenfächern. Heißt unfreiwillige Wartezeiten während des Studiums. Pechar: "Man muss in bestimmten Bereichen einfach eine Grenze setzen."

Mit Lehre profilieren

Solange diese Grenzen nicht gesetzt sind, müssen die Universitäten selbst Wege suchen, die Lehre nicht verkommen zu lassen. Die Universität Wien, mit fast 70.000 Studierenden einer der größten Bildungstanker Europas, ist sich der Probleme, die sich in einigen ihrer Fächern massieren, sehr bewusst. "Wir haben unbestritten in sieben oder acht von 130 Fächern bedenkliche Betreuungsverhältnisse", sagt der für Lehre und Internationales zuständige Vizerektor der Uni Wien, Arthur Mettinger, im Standard-Gespräch.

Aber: "In den letzten Jahren ist in Österreich das Bewusstsein für die Notwendigkeit guter Lehre an den Unis bedeutend gestiegen. Auch im Zuge der europäischen Studienarchitektur. Wir müssen verstärkt über didaktische Wege nachdenken", sagt der seit Langem in der Lehrentwicklung engagierte Sprachwissenschafter. Auf seine Initiative gibt es an der Uni Wien seit 2002 den Wettbewerb "Innovationen in der Lehre", die Uni Graz zog nach, auch die WU prämiert Lehre. (UNI-KUM:)

Eine aus der Not geborene Aufspaltung in Lehre da, Forschung dort, lehnt er ab: "Unis haben forschungsgeleitete Lehre im Profil. Wir haben lehrende Forschende und brauchen forschende Lehrende."

Allerdings ist den Massen irgendwann mit Innovation nicht mehr beizukommen. Das ist der Punkt, wo die Politik gefordert sei, betont Mettinger: "Es gibt internationale Betreuungsstandards. Die Diskussion darüber muss die Politik endlich mit den Unis führen." (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD, Printausgabe, 12.3.2007)

Lesen Sie am Dienstag über junge Gehirnforscher, patente Professoren und zwei Rhinos.
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    Patina und Platzprobleme: Ins Auditorium Maximum der Uni Wien mit 800 Sitzplätzen kam oft ein Minimum von 800 Studierenden. Seit Herbst 2006 strahlt das 1935 eröffnete Audimax neu renoviert in Rot - und mit noch weniger Plätzen.

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    grafik: der standard
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