Der Misanthrop, sein Ekel und die Unlust

11. März 2007, 18:24
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"Menschenfeind" am Landestheater NÖ

St. Pölten - In einem Raum, mit urban-kühlen, sich leicht gegen die Geometrie öffnenden weißen Würfeln begrenzt, sitzt der Menschenfeind im Dunkeln auf einem ebenso weißen, mit aufdringlichen Schaumstoffnoppen bezogenen Klotz und schmollt.

Christian Weißenberger hat mit seiner Bühnengestaltung quasi das ideale Umfeld für einen kosmopolitisch Frustrierten geschaffen. In Dora Schneiders Inszenierung von Molières Menschenfeind am Niederösterreichischen Landestheater ist Alceste kein Idealist, vielmehr scheint er nicht nur enttäuscht und angeekelt von seinen Mitmenschen, sondern auch jegliche Ansprüche an sich selbst aufgegeben und Vorstellungen von seiner eigenen, reinen und ehrlichen Darstellung eines von Unlust an üblichen Respektkonventionen ergriffenen Misanthropen verloren zu haben. Dieser Alceste (sehr gut: Joseph Lorenz) will es gar nicht besser machen.

Inmitten eines großartigen Ensembles (ein herrlich deklamierender Christoph Zadra als Philinte, eine munter pikierte Katrin Stuflesser als Arsinoé sowie Mirko Roggenbock und Matthias Lühn als flapsig blonde Grafenjünglinge) ergibt sich Alceste derart borstig und ironisch, fast schon leidend seinem Hass und Ekel, dass man der sich geschmeidig anschmiegenden Célimène (Konstanze Breitebner) von vornherein keine Chancen mehr einräumen mag.

Ungewollte Geschenke

Wenn da ein naiv aufdringlicher Oronte (Thomas Mraz) das Moleskine-Büchlein zückt und über "Hoffnung" dichtet, fällt Alceste sein Verriss des schlechten Verses scheinbar als solcher nicht mal auf, genauso, wie er sich seiner Sachlichkeit im Umgang mit der eigentlich von ihm verschmähten, später fast "eingetauschten" Kusine Éliante (Karin Yoko Jochum) nicht bewusst zu sein scheint. Dieser Mann ist nicht nur kein Vertreter der großen Gefühle, er entsagt ihnen aus voller Absicht; seine Kritik äußert er als Geschenk - das aber niemand annehmen will. Eine gelungene Premiere. (Isabella Hager/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 3. 2007)

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