Fall van Staa: "Das richtet sich von selbst"

14. März 2007, 09:11
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Im Kaunertal reagiert man sauer auf die Vorwürfe gegen Alexander Van der Bellen

Innsbruck/Kaunertal - "Was soll man dazu sagen?", sagt Eugen Larcher. Erstaunt, entsetzt über den Vorfall letzte Woche. Der 69-Jährige war lange Bürgermeister von Feichten im Kaunertal, dem abgelegenen Seitental des oberen Inntals, in dem Grünen-Bundessprecher Alexander Van der Bellen seine Kindheit verbracht hat. 1944 kam die Familie mit ihm als Baby und dem schon schulpflichtigen Schwesterchen Nanni hierher, auf der Flucht vor der Roten Armee.

"Das richtet sich von selbst", sagt Larcher. Er meint die "Gerüchte", mit denen Landeshauptmann Herwig van Staa den Grünen-Chef privat zu attackieren versucht hat: Von einem "mir zugetragenen" Gerücht sprach van Staa, über eine angebliche Nazi-Vergangenheit des Vaters, Alexander senior, der vor 41 Jahre verstorben ist. Van der Bellen verlangte Belege. Die fehlen. Zuvor hatte der Grünen-Chef den Landeshauptmann wegen dessen Idee von "Internierungsquartieren" für straffällig gewordene Asylwerber heftig kritisiert, eine Idee, die van Staa erstmals vor gut zwei Jahren, im Juni 2004, geäußert hatte.

Auch Hans Pockstaller schüttelt den Kopf. Mit "Sascha" - wie Alexander im Tal genannt wird, so wie von Grünen Freunden - ist er befreundet, aufgewachsen im selben Haus, in einem der Zollhäuser im Weiler Grasse bei Feichten. "Dass so etwas so daherkommt", könne er nicht fassen. "Man wusste, dass die aus Estland kamen. Und dass sie geflüchtet sind", sagt Pockstaller. "Für uns waren es Flüchtlinge", erinnert sich der Altbürgermeister, der 1944 sechs Jahre alt war.

Das Kaunertal war die vierte und letzte Fluchtetappe der Van der Bellens. 1917 flohen die gutbürgerlichen, kleinadeligen Vorfahren vor den Bolschewiki aus Russland nach Estland. 1940/41, nach der Besatzung Estlands, durch die Sowjetunion gelang es Vater Alexander, mit seiner späteren Frau Alma Siebold ins Deutsche Reich auszusiedeln, aufgrund ihrer Russland-deutschen Herkunft. Von einem deutschen Flüchtlingslager ging's nach Wien, und als sich 1944 hier die Rote Armee näherte, flohen sie wieder, nach Tirol. "Von Gerüchten, wie sie jetzt verbreitet werden, hab ich nie etwas gehört", sagt der Altbürgermeister. "Als Sascha sechs war, zur Schule musste, übersiedelten sie nach Innsbruck. Aber in den Ferien waren sie immer wieder hier."

Kopfschütteln im Tal, Schweigen in der ÖVP. Bis heute hat nur Andreas Khol reagiert: "Ich sage nichts dazu. Und das ist das Beste, was man dazu sagen kann", sagte er letzte Woche. Versuche, in der ÖVP Reaktionen zu erhalten, enden mit: "No comment." Auch Van der Bellen selbst wurde nicht angesprochen, etwa bei der Nationalratssitzung letzte Woche, sagt sein Pressesprecher: Er hätte es schon schön gefunden. Inoffiziell wird das Schweigen als Distanzierung von van Staa gewertet.

Van der Bellen zieht im Gespräch mit dem profil einen Vergleich mit dem Irak unter Saddam: "Im Irak war es üblich, dass man den Onkel verhaftet, wenn man den Neffen eines Vergehens beschuldigt. Ist das der politische Stil des Tiroler Landeshauptmanns? Soll van Staa seinen Güllewagen gegen mich ausfahren. Aber meine Familie soll er in Ruhe lassen." Und sagt zu seinem Vater: Das Dokumentationsarchiv und Zeithistoriker würden recherchieren. "Noch hat niemand etwas gefunden." (Benedikt Sauer/DER STANDARD, Printausgabe, 12.3.2007)

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