Sting: Auf den Spuren eines Kollegen ...

20. März 2007, 15:47
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Der Brite gastierte im Wiener Konzerthaus und versuchte sein Musikherz auszuschütten - keine leichte Sache mit den Lautenliedern von John Dowland

Wien - Es hat sich die Situation für Musiker im Laufe der Jahrhunderte erheblich gebessert. Zog, sagen wir, ein John Dowland im 17. Jahrhundert traurig durch Europa, weil er zunächst nicht zu seiner Majestät Chef-Lautenisten bestellt worden war (als Katholik war er der protestantischen Elizabeth I womöglich suspekt), muss sich ein Nachfahre, sagen wir Sting (spielt jetzt auch ein bisschen Laute), nur noch darum kümmern, von der Queen mit einem Adelstitel bedacht zu werden.

Ökonomisch gesehen steht ein Musiker von heute ja besser, freier da. Es gibt ein Urheberrecht, das die paar guten Lieder, die man schrieb, durch Tantiemenhilfe in den Dienst der Deckung von Fixkosten stellt. Und die besten Musikerjobs sind nicht mehr an die Gunst der Queen gebunden. Es existiert schließlich mittlerweile eine breite Konzertöffentlichkeit außerhalb der Paläste; dank technischen Fortschritts kann man diese auch global auf Livedinge in Form von CDs, sagen wir unter dem Titel Songs From The Labyrinth, einstimmen.

Und: Man wird selbst dann gehört, wenn man sich auf Abwege begibt und versucht, eines alten Kollegen Kunst in Erinnerung zu rufen, eben dieses John Dowland, der einst auch Hits schrieb. Und keiner nimmt es einem übel, dass man zunächst seinen Begleiter ausschickt, um ein ziemliches Weilchen im Konzerthaus mit der Laute Stimmung zu machen - nun, immerhin interessant: Edin Karamazov ist ein zupackender Virtuose, der sich zwar von seinem eigenen Spiel gar sehr ergreifen lässt und sich auch nicht scheut, der Emphase einen etwas blechernen Klang zu verleihen, wenn es darum geht, Bach zu zelebrieren. Aber, es hat Charme. Und geht dann doch vorbei und ist angesichts des Anblicks - Popstar als nervöser Alte-Musik-Interpret vor Noten sitzend und dann gleich mutig mit dem lyrischen Kracher Flow My Tears beginnend - schnell vergessen; man ist mitten im Konsum eines Dilemmas, das sich auftut, wenn Sting bei diesem Repertoire seine markante nasale Stimme erhebt.

Magische Sekunden

Schließlich: Er versucht Dowland nicht mit seinen Möglichkeiten zum Sting-Song zu machen, will dem Original gerecht werden und hat offenbar auch in Basel an der Schola Cantorum brav gelernt. Doch obwohl es nicht so mühsam klingt wie auf der CD, bleibt der Eindruck, dass das vokale Studium nicht zum Abschluss gebracht worden ist.

In den Tiefen Überforderung, im Allgemeinen eine seltsame Gespreiztheit des Vortrags, ein etwas verkrampftes heiseres Buchstabieren der Lautensongs. Bei den heitereren Abschnitten war es besser; wenn er aus Dowland-Briefen las sympathisch, und ja - bei In Darkness Let Me Dwell hat er fünfzehn magische Sekunden. Vielleicht kam die Tournee zu früh. Groß war die Begeisterung erst, als er (am 19. 9. mit Police in der Stadthalle) seine Lieder delikat in Dowland- lautenform brachte. (tos/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 3. 2007)

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