Wissenschaftler haben Vorbehalte gegenüber EU-Klimabeschlüssen

17. März 2007, 15:39
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Dimas: Atomkraft taugt nicht als magische Lösung

Berlin - Nach den Beschlüssen des Brüsseler EU-Gipfels zum Klimaschutz zweifeln Umweltexperten die Umsetzbarkeit der ambitionierten Ziele an. "Leider hat man sich nicht über Sanktionen unterhalten", sagte die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, der in Hannover erscheinende "Neuen Presse" vom Samstag: "Was bedeutet es, wenn die Ziele nicht erreicht werden?"

"Optische Täuschung"

Der Klimaforscher Hans-Jochen Luhmann vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie kritisierte in der "Berliner Zeitung" die Brüsseler Beschlüsse als "optische Täuschung". Unzufrieden zeigte sich auch EU-Umweltkommissar Stavros Dimas.

"Was wir gerade gemacht haben, reicht nicht aus", sagte Dimas dem "Spiegel". Seine Behörde werde die Gipfelbeschlüsse umgehend in Rechtstexte umsetzen. Die Mitgliedstaaten sollten bei der Verringerung der Kohlendioxid-Emissionen die Atomkraft nicht überschätzen: "Sie taugt nicht als magische Lösung aller Probleme". Die Entsorgung radioaktiver Abfälle sei ungeklärt, der spätere Abriss der Atommeiler ein großes ökonomisches Problem.

Kemfert vermisste in den Brüsseler Beschlüssen Bestrafungsmechanismen. Trotzdem werde die Einigung den erneuerbaren Energien einen "unglaublichen Schub" geben. "In Deutschland sind derzeit schon 214.000 Beschäftigte in diesem Bereich, wir rechnen mit bis zu 330.000 bis 2020", sagte sie der Zeitung. Eine Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke sei sinnvoll, weil es außer der erneuerbaren Energie kaum Alternativen zur Atomkraft gebe, um die geplante Verringerung der Treibhausgase innerhalb der nächsten 13 Jahre zu schaffen.

Ehrgeiz sieht anders aus

Luhmann bemängelte, allein schon die EU-Erweiterung auf 27 Länder und der Zusammenbruch vom Teilen der osteuropäischen Wirtschaft verringerten die Emissionen bis zum Jahr 2012 um 15 Prozent. "Europa will seine Treibhausgase danach also nur noch um fünf Prozent reduzieren. Ehrgeiz sieht anders aus", sagte der Wissenschaftler.

Nach Ansicht des Energieforschers Peter Hennicke kann die EU beim Klimaschutz noch deutlich zulegen. Die Gipfelbeschlüsse reichten zwar aus, um "einen echten Richtungswechsel in der Energiepolitik einzuleiten", sagte der Präsident des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie der "Frankfurter Rundschau". Die EU müsse aber alles tun, um eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um 30 Prozent zu erreichen, "auch wenn die USA, China und andere Schwellenländer nicht voll mitziehen".

Nach Ansicht des Direktors des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber, ist die Kernenergie "keine wirklich entscheidende Größe, auf die es sich zu setzen lohnt". In der "Sächsischen Zeitung" konnte sich Schellnhuber aber etwas längere Laufzeiten für sehr modernen Kernkraftwerke vorstellen, wenn dadurch entstehenden Gewinne komplett in die Erforschung erneuerbarer Energien fließen würden.

Der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit (Grüne) bemängelte, in Brüssel sei nicht erwähnt worden, dass der Verkehr für die Treibhausgase mitverantwortlich sei. "Wenn man den Menschen nicht sagt, dass der Verkehr - Flugzeuge, Pkw und Lkw - ein Teil des Problems ist, dann sagt man nicht die ganze Wahrheit", sagte der Ko-Vorsitzende der Grünen im Europaparlament dem "Tagesspiegel am Sonntag". (APA/AFP)

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