Die Krimischiene: Politik und Prostitution

16. März 2007, 14:37
posten

Provinz und Rassismus - Bytes und Bomben - Koks und Köpfe

POLITIK UND PROSTITUTION
Maria Kallio kämpft mit den Schwierigkeiten einer berufstätigen Mutter: unvorhersehbare Arbeitszeiten, missgünstige Vorgesetzte und das Schuldgefühl, auf eine Handy-Mama reduziert zu sein. Dennoch will Maria ihren Beruf als Kommissarin nicht aufgeben. Lieber schlägt sie sich mit der Russenmafia herum, die in Helsinki das Geschäft mit der Prostitution an sich gerissen hat. Die junge Ukrainerin, die mit Schnitten am ganzen Körper aufgefunden wird und die selbstbewusste Luxusnutte, die vor ihrem Auftritt in einer Talkshow einen vergifteten Fernet Branca trinkt, halten den Ermittlertrupp in Atem. Die finnische Autorin Leena Lehtolainen lässt ihre sympathische Heldin mit den Niederungen des Alltags kämpfen und macht sie so greifbar und glaubwürdig. (Wer sich nicht fügen will, Deutsch: Gabriele Schrey-Vasara, € 20,50, Kindler).

PROVINZ UND RASSISMUS
In der australischen Provinz versucht ein Polizist, der, physisch und psychisch schwer angeschlagen, eine Mörderjagd überlebt hat, wieder Fuß zu fassen. Als drei Aborigines verdächtigt werden, einen reichen Wohltäter umgebracht und beraubt zu haben, mag Joe Cashin den Indizien nicht glauben. In einer Atmosphäre, in der die in miese Wohnviertel zusammengepferchten Ureinwohner ohne Hemmung "Bimbos" gerufen werden, sind Vorverurteilungen schnell zur Hand. Lakonisch und rau erzählt Peter Temple vom Inneren des fünften Kontinents: von der nicht bewältigten kolonialen Vergangenheit, vom Verdrängen und Ignorieren, von Rassismus und der Klüngelei zwischen Politikern und Medien. Ein spannendes Buch, das des überdramatisierten Finales nicht bedürfte, um mitreißend zu sein (Kalter August, Deutsch: Hans Herzog, € 20,40, C. Bertelsmann).

BYTES STATT BOMBEN
Streng genommen ist Breakpoint (Deutsch: Karin Dufner, € 20,60, Hoffmann & Campe) ein Sciencefiction-Roman, denn er spielt im Jahre 2012. Der Terror hat sein Gesicht geändert, statt irrer Selbstmordattentate wird nun die weltumspannende Informationstechnologie angegriffen. Man vermutet hinter den Anschlägen die Chinesen, die den technischen Fortschritt der USA aufhalten wollen. Richard. A. Clarke war bis 2003 im Krisenstab des Weißen Hauses. Er mag ja von seinem Insiderwissen zehren, aber ein Schriftsteller wird er nie und nimmer. Seine Figuren, welche die Welt retten sollen, erwachen in den bürokratischen, fantasielosen Protokollen nicht zum Leben. Die Voraussagen für die nahe Zukunft: Verknüpfungen zwischen Gehirn und Computer, gentechnisch optimierte Menschen, neue Waffen. Da kann nicht nur den Chinesen schaurig zumute werden.

KOKS UND KÖPFE
Da pflegt einer ein seltsames Hobby: Sonntags wirft er enthauptete Leichname in die Flüsse um Zürich. Er scheint dabei eine Vorliebe für Anlageberater zu haben. Die Entschlüsselung merkwürdiger gesprayter Zeichen bereitet dem Hauptmann Fred Staub Kopfzerbrechen. Eine Witwe, die sich nicht rasend für ihren nun unvollständigen Exgatten interessiert, wirkt nicht unverdächtig, aber was ist mit den Kunden, die durch die unseriösen Treuhänder viel Geld verloren haben? Wie alle Normalmenschen hat Staub keine Ahnung von Finanzgeschäften, auch nicht von seinem wohlstandsverwahrlosten Sohn, der bei einer Koksparty verhaftet wird. Was er aber ahnt, ist, dass der Geschäftspartner der Verblichenen in höchster Gefahr schwebt. Ernst Solèrs Krimi Staub im Wasser (€ 8,80, grafit) bewegt sich in vorhersehbaren Bahnen, ist aber solide Arbeit. (Ingeborg Sperl, Album, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.3.2007)

Share if you care.