Ein Leben zwischen allen Stühlen, bis zuletzt

20. März 2007, 15:23
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Selbstporträt mit Maske: Zu den autobiografischen Schriften Jakov Linds

Wenn mitten in der Lektüre einer Autobiografie der Autor, den man gerade für sich zu entdecken beginnt, plötzlich stirbt, bekommt das Lesen, das doch in erster Linie Begegnung ist, schlagartig eine andere Bedeutung. Die Gegenwart des Todes schreibt sich in die Lektüre ein.

Die Nachricht des Todes (Der Autor Jakov Lind starb am 17. 2. in London, kurz nach seinem 80. Geburtstag) kommt wie ein Echo, wie eine Antwort auf das Gelesene. Eine Antwort, die ungerufen kommt. Denn das Lesen ist doch etwas Stilles, etwas, das abseits der Aufmerksamkeit der Welt geschieht, etwas, das man im Wesentlichen für sich tut. Plötzlich aber ist eine Verbindung von diesem Lesen zur Welt hergestellt, die jeder rationalen oder kausalen Grundlage entbehrt. Über deren Sinn oder Sinnlosigkeit auch nicht weiter zu spekulieren ist. Schon dass eine Berührung da ist, irritiert.

Mit Kafkas Tod ist auch ein Stück Welt zu Grunde gegangen

Ein unheimlicher Vorgang, vergleichbar der Situation eines Gesprächs, bei dem sich der Gesprächspartner plötzlich in Luft auflöst (und man nicht weiß, ob man nicht der Nächste ist).

Die Zäsur, die der Tod eines Autors im Zusammenhang mit seinem Werk darstellt, nimmt sich für zeitgenössische Leser anders aus als für spätere Generationen. Schätzt man einen Autor, so ist es für viele ein Trost oder eine Freude, dass einer, der solches hervorgebracht hat, noch unter uns ist (wie auch das Gegenteil davon). Man teilt mit ihm die Gegenwart. Man wohnt mit ihm in einem Haus. Man sagt: "Schau, aber das gibt es ja auch noch", denn solange ein Autor lebt, ist auch die Welt lebendig, aus der er sein Werk schöpft.

Mit anderen Worten: Mit Kafkas Tod ist auch ein Stück Welt zu Grunde gegangen, in der es möglich war, so ein Werk zu schaffen. Leichter fällt es vielleicht, dem zuzustimmen, dass es heute nicht mehr möglich ist, etwas dem Werk Kafkas auch nur Vergleichbares hervorzubringen, oder dem Werk H. C. Artmanns, Arno Schmidts oder Thomas Bernhards. Das liegt nicht an der Welt, an den Umständen und "geänderten Zeiten" (über die viel zu sagen wäre), sondern dass die Möglichkeit, solches hervorzubringen, zuallererst in dem Autor liegt, mit ihm in der Welt ist und nicht mehr ist, wenn er nicht mehr ist. So bleibt uns zwar das Werk Linds, aber nicht mehr seine Gegenwart. Sie ist mit ihm aus der Welt verschwunden.

Im Wien der Zwischenkriegszeit

Durch seinen Tod ist etwas Endgültiges, etwas Unumkehrbares in sein Werk und damit auch in die Lektüre seines Werkes eingeflossen. Von nun an wird man diese Autobiografien als Vermächtnis lesen, etwas ist abgeschlossen, man liest über das Leben eines Toten. Ein Unterschied, der gerade bei Lind, dessen autobiografisches Werk einen so zentralen Platz einnimmt, größer ist als bei anderen. Ein Leben, das sich so sehr in der Gefahr und Bedrohung vollzogen hat, ist plötzlich beendet. Es hat ihn doch noch erwischt. Von nun an weiß man, wie es ausgeht. Dass einer noch am Leben ist, der solches erlebt hat, dass alles "gut ausgeht", vergisst sich beim Lesen leichter.

Selbstporträt nannte Jakov Lind den ersten Band seiner dreiteiligen Autobiografie. Counting my steps, der englische Originaltitel, verrät mehr über die Schilderung einer Zeit, in der jeder Schritt der letzte sein konnte. Er schrieb dieses Buch im Auftrag eines New Yorker Verlegers - eine unmittelbare Folge seines literarischen Sensationserfolges Seele aus Holz. Doch der Reihe nach: Jakov Lind wurde am 10. Februar 1927 in Wien "als Sohn jüdischer Eltern" (Klappentext) geboren. Kindheit, Erziehung, Schule im Wien der Zwischenkriegszeit. Schilderung des "kosmopolitischen" Wien, jener einzigartig österreichischen Mischung aus Antisemitismus, Wiener Gemütlichkeit und jüdischem Alltagsleben, jüdischer Kultur, die 1938 aus Wien vertrieben wurde: "Die Juden verschwanden, die meisten wanderten aus, doch Wien starb, als es seinen Lebensgeist in einem Akt des Autokannibalismus zerstörte. Juden und Verjudete hatten die Türen der deutsch-österreichischen Kultur für andere Sprachen, andere Denkweisen und Neigungen offengehalten. Die Massen haßten jene, die sie in ihrer Lethargie störten."

Unter dem Schutz des Komitees für jüdische Flüchtlinge gelangt Jakov Lind 1938 nach Holland, seine Eltern emigrieren nach Palästina. Als 1940 die Deutschen in Holland einmarschieren, weiß Lind schon, was kommt, und beschließt nicht zu warten, bis er abgeholt wird, sondern selbst die Initiative zu ergreifen. Und als Antriebskraft, um zu überleben, entdeckt er in sich den Hass: "Nicht dem Individuum galt mein Haß. Wie jeder gute Nazi haßte ich die Juden. Nicht den Juden. ,Die Juden sind unsere großes Unglück', stand auf der ersten Seite des ,Stürmer' in Großbuchstaben. Unser Unglück? Meines sind sie gewiss. Wenn ich dieses Unglück überleben will, muss ich lernen, so zu fühlen wie die übrige Welt. Die übrige Welt hasst entweder die Juden, oder sie sind ihr gleichgültig. (...) Gleichgültigkeit konnte ich mir nicht leisten. Ich mußte hassen, weil ich leben wollte. Ich ziehe vor, unter den Atmenden zu bleiben."

Wien, Paris, Amsterdam, Kopenhagen, Stockholm, Wien

Er gibt sich mit gefälschten Papieren als Holländer aus, heuert sogar auf einem Lastkahn an, der ihn direkt nach Deutschland führt, übersteht zahlreiche Bombenangriffe und auch den Untergang des Dritten Reiches, gibt sich diesmal als palästinensischer Staatsangehöriger aus, um in Palästina einwandern zu können, wo ihn "Vater, Schwestern und die Ehe erwarten. Weder der Aufenthalt in Palästina, noch die familiären Bindungen werden allerdings von Dauer sein" (Pressetext). Band zwei, Nahaufnahme, setzt mit Linds Ankunft in Europa (Marseille) ein. Er verlässt Frau und Kind und beginnt seine atemlose Odyssee, eigentlich einen Kreisgang durch das Nachkriegseuropa - Wien, Paris, Amsterdam, Kopenhagen, Stockholm, Wien; je bürgerlicher, je geordneter dieses Europa wird, desto unbürgerlicher, desto unsteter, chaotischer wird sein Leben.

Er vereinzelt zusehends, verachtet die sich etablierende Gesellschaft, aber auch die oppositionellen Gruppen, die ihm zu ideologisch orientiert sind. Unfähig, eine Gegenwelt zu etablieren, bleibt er "zwischen allen Stühlen". Es ist das schwächste Buch der Trilogie, ganz im Geist eines Halbstarken geschrieben, eines Potenzlings, der sich mit seinen Eroberungen bei Frauen bis zur Unerträglichkeit brüstet. Er verachtet die Gesellschaft, sucht aber diese Gesellschaft immer wieder, um von ihr seine Brosamen zu holen und ihr wieder zu entfliehen, zu den Außenseitern, den Hochstaplern, Schnorrern und Verlierern des neuen Systems. Das ändert sich auch nicht im dritten Band, Im Gegenwind, als er in London heimisch wird, eine Familie gründet und seine ersten Erfolge als Schriftsteller feiert.

Er ist Mitglied der Gruppe 47, sein Debüt Seele aus Holz wird von der Kritik euphorisch aufgenommen (aber schon sein zweites Buch Landschaft aus Beton stößt in Deutschland auf breites Unverständnis und Ablehnung).

Fragen nach Identität

Jakov Lind traut dem Erfolg nicht. Er gibt das Geld mit vollen Händen aus, trinkt, spielt, gibt Partys. Es ist der Fluch der Identitätslosigkeit, die ihm während des Zweiten Weltkrieges das Leben gerettet hat, der ihn nicht mehr loslässt. War es doch seine größte Bedrohung "identifizierbar" zu sein; das ging so weit, dass er einmal sogar eine erfundene "Vita", die er für eine Arbeitserlaubnis beibrachte, später wieder aus dem Büro stahl. Seine "Assimilation" musste eine totale sein, sonst war sein Leben bedroht. Und so war es auch seine "Vertreibung". Er musste sich alles Identifizierbare austreiben. Seine Person bleibt in diesen Porträts seltsam oszillierend, unscharf, sein Fragen nach Identität ein Kreisen um seine Person, das nicht ganz ernst gemeint scheint und nur aus dem Kopf kommt. Einem, dessen Leben davon abhängt, dass ihm die Geschichten, die er erfindet, geglaubt werden, ist nicht zu trauen. Aber man wird ihm gern zuhören. Denn es sind wunderbare Geschichten ... (Alfred Goubran, Album, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.3.2007)

Jakov Lind: "Selbstporträt." Aus dem Englischen von Jakov Lind und Günther Danehl, € 18,90/197 Seiten, Picus, Wien 1997.
"Nahaufnahme", Aus dem Englischen von Jakov Lind und Günther Danehl, € 18,90/155 Seiten, Picus, Wien 1997.
"Im Gegenwind", Aus dem Englischen von Jakov Lind und Jacqueline Csuss. € 18,90/216 Seiten. Picus, Wien 1997.

Hinweis: Am 13. März um 19 Uhr findet im Jüdischen Museum Wien eine Veranstaltung in memoriam Jakov Lind statt. Posthum wird ihm der Theodor Kramer Preis 2007 verliehen. Kirsten Dene, Andrea Eckert und Peter Turrini lesen aus Linds Werk.

  • Der Fluch der Identitätslosigkeit, der Jakov Lind im Zweiten Weltkrieg das Leben rettete, wird ihn auch später nicht mehr loslassen.
    foto: standard/semotan

    Der Fluch der Identitätslosigkeit, der Jakov Lind im Zweiten Weltkrieg das Leben rettete, wird ihn auch später nicht mehr loslassen.

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