Heilung durch Sex

16. März 2007, 14:37
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Louis Begleys gelungener Roman "Ehrensachen" kreist um Identitäts- und Zugehörigkeitsprobleme

Dem Roman ist ein Vers von Baudelaire vorangestellt: "Die Toten, die armen Toten haben große Schmerzen." Er stammt aus den Blumen des Bösen, und Louis Begley, der Harvard-Absolvent und Frankophile, zitiert ihn natürlich auf Französisch: "Les morts, les pauvres morts ont de grandes douleurs ..." Von diesen armen Toten ist in Ehrensachen die Rede, aber merkwürdig ungerührt, beiläufig, wie aus großer Distanz. Von Schicksalsschlägen und Familientragödien berichtet der Erzähler in ebenjenem präzis gestimmten, con sordino ausgeführten Kammerton, in dem er Cocktailempfänge Revue passieren lässt oder delikate Dresscode-Fragen erörtert. Ist es diese erzählerische Grabeskühle, die an dem Buch irritiert? Denn auch die Hauptfiguren, den Erzähler eingeschlossen, bleiben unnahbar.

Archibald P. Palmer III

Henry, Archie und Sam sind Freshmen, Studienanfänger in Harvard um 1950. Der Zufall macht sie zu Zimmergenossen, der Wille, am Elite-College fürs Leben zu lernen, eint sie. Wie verschieden sie ihrer Herkunft nach sind, ist jedoch auf den ersten Blick zu sehen: Henry White ist rothaarig und schlecht angezogen, die Familie stammt aus Krakau und hieß ursprünglich Weiss, weshalb die beiden anderen ihn für einen Juden halten. Archie beliebt sich mit vollem Namen Archibald P. Palmer III. zu nennen, seine Initialen zieren seinen silbernen Martini-Shaker, sein Vater gehört aber als wenig betuchter Oberst nicht zur ersten Gesellschaft.

Sam ist die Abkürzung von Samuel, in diesem Fall kein jüdischer, sondern ein guter amerikanischer Name, mit einem noch besseren Nachnamen: Urahn Standish kam mit der Mayflower ins Land. Sam, der Icherzähler, ist auch nicht ganz koscher: Seine Eltern werden von den wirklich angesehenen Mitgliedern des Clans scheel angeschaut, weniger weil sie trinken, als weil sie ihr Vermögen verschleudert haben.

"Preppies"

Die drei werden trotz allem bald Freunde, suchen Trost im Sex und trachten, sich durch das Dickicht der sozialen Fußangeln gemeinsam durchzuschlagen: Man könnte Begleys Roman auch als Illustration von Pierre Bourdieus Studie Die feinen Unterschiede lesen. Den Ton in Harvard geben die "Preppies" an, die Studenten aus den Spitzeninternaten, die auf Partys Krawatten der "drei oder vier feinsten Clubs" zur Schau stellen, blond, "gelassen höflich und selbstzufrieden", überzeugt, "den Rang einzunehmen, der ihnen nach göttlichem Recht zustand".

Es zeugt von Begleys kompositorischem Raffinement, dass er jedem der drei Freunde einen Defekt mit auf den Weg gegeben hat: Archie, dem Lebemann mit begrenzten Mitteln, bleiben die besten Clubs verwehrt, Henry mag im Studium noch so brillant sein, er ist Jude - und Sam muss von sich erfahren, dass er nicht der leibliche Sohn seiner Eltern ist. Dafür bemüht sich sein Cousin George, der einzige wirkliche Vornehme in der Riege der Distinktionsgewinnler, um seine Freundschaft. Und dann ist da noch Margot Hornung, viel begehrte Tochter eines wahnsinnig reichen Juden: In Begleys Amerika wirkt echtes Kapital allemal überzeugender als symbolisches.

Dinnerkonversation

So ist auch Margot ironischerweise für Henry unerreichbar, ein frustrierendes "Langzeitprojekt", bei dem seine Rolle zwischen Pettingpartner und Seelentröster schwankt. In der Reaktion der Wasps auf Henrys charismatische Erscheinung entblößt Begley die gute amerikanische Gesellschaft als provokant ignorant und sozusagen wohlwollend antisemitisch. Nicht nur Georges Mutter wundert sich darüber, dass White ein polnisch-jüdischer Name sein soll. Als man ihr das erklärt, sagt sie: "Oh je, da kann man natürlich nichts machen." Henry soll seine Überlebensgeschichte als Dinnerkonversation zum Besten geben. Sams (Stief-)Vater belehrt seinen Sohn, Gewalt gegen Juden und Neger sei eine Sache, die "Möglichkeit, sich aussuchen zu können, mit wem man Golf spiele", aber eine andere.

Vor dieser Folie bekommt der Trost des Erzählers, anders als in Europa zähle in Amerika nicht, was man habe, sondern nur, wer man wirklich sei, einen beunruhigenden Doppelsinn. Henry sagt von sich, er fühle sich "kaum jüdischer als ein geräucherter Schweineschinken." Dennoch ist es für ihn eine Sache der Ehre, sich dazu zu bekennen, solange andere ihm zutrauen, er wolle es verleugnen. Zugleich aber ist seine ganze Karriere - als Anwalt kapriziert er sich auf eine nicht jüdische Kanzlei - der Versuch einer solchen Verleugnung, eines Selbstentwurfs ohne jeden Rassenballast. F. Scott Fitzgerald wird einmal erwähnt, Henrys Remake seiner selbst erinnert an den Großen Gatsby. Mit den Vorstellungen seiner Eltern, vor allem der überspannten Mrs. White ("ich bin das einzige Hobby meiner Mutter"), muss es kollidieren.

Louis Begley, der frühere Ludwik Begleiter aus Galizien, der nun seit 60 Jahren in New York lebt und mit seinem Erstling Lügen in Zeiten des Krieges (1994) eine Variante seiner Kindheitsgeschichte vorlegte, hat sich in diesem Buch zwei Alter Ego erschrieben: den jüdischen Staranwalt und den berühmten Schriftsteller mit homoerotischer Neigung - Sam, gleichsam begünstigt durch eine Depression, die ihm über Jahre imponierende fünf Wochenstunden Psychoanalyse beschert (die Innensicht wird uns auch hier verwehrt), entscheidet sich für die Literatur.

Herbstwind

Diese Aufspaltung erlaubt Begley, auf Intimstes aus der Distanz des anderen, des Nichtjuden, zu blicken. Gewidmet hat er das Buch in aller Diskretion "F. B. und D. B.", seinen Eltern? Die Abstinenz im Psychologischen ist ihm nicht etwa "passiert", sie ist die Conditio sine qua non dieser Erzählung. Begley schildert die fashionablen Existenzen zwischen Cambridge (Mass.), New York, Rom und Malta minutiös von außen, er jagt die Lebensläufe seiner Figuren durch den Zeitraffer: Der dritte Musketier wird nicht länger gebraucht, er verunglückt betrunken am Steuer. Henry macht, wie sein Autor, als Steueranwalt seiner Sozietät in Paris Furore, bereut nach einem Eklat sein Leben als "Ehren-Arier", erfindet sich noch einmal neu - und taucht so gründlich unter, dass Sam ihn erst nach Jahrzehnten wiederfindet.

Irgendwann, die Eltern beider sind längst tot, resümiert der Erzähler, der die seinen stets für Rabeneltern hielt, wenn es einen Höllenkreis für Undankbare gäbe, wäre sein und Henrys Platz dort. In jenem Baudelaire-Gedicht heißt es, die Toten würden uns, die wir im warmen Bett liegen, während der Herbstwind an ihren Grabsteinen rüttelt, wohl für recht "undankbar" halten. Baudelaire: Auch er litt unter seinem Stiefvater, auch er glaubte an Heilung durch Sex. In einem Gespräch in New York meinte Louis Begley, noch mitten in der Arbeit, er hoffe, sein neues Buch werde es wert gewesen sein, dass er so viel anderes nicht gemacht habe: Nach seinem in allzu seichten Gewässern segelnden Roman Schiffbruch hat Begley wieder ein Werk mit Tiefgang geschrieben. Seine Kälte ist die des Vivisekteurs. (Daniela Strigl/DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.3.2007)

Louis Begley, Ehrensachen. Deutsch von Christa Krüger. € 20,40/445 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2007.
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    Mit der Kälte des Vivisekteurs: Louis Begley. In seinem neuen Roman "Ehrensachen" erzählt er Aufsteiger- und Aussteiger-geschichten. Den Ausgangspunkt bildet die Universität Harvard, nicht nur in den 50er-Jahren, in denen das Buch beginnt, ein Scharnier zwischen Herkunft und Zukunft.

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