Ein idealtypischer österreichischer Patriot

9. März 2007, 21:18
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Er hat es sich und anderen nicht immer leicht gemacht: Am 22. März wird der Impresario, Künstler und Initiator André Heller 60 Jahre alt. Eine Würdigung von Peter Huemer.

Im Jahr 1948, als André Heller ein Jahr alt war, veröffentlichte Ernst Marboe im Auftrag des Bundespressedienstes, einer Dienststelle der österreichischen Bundesregierung, ein Schlüsselwerk zur amtlich verordneten österreichischen Selbstfindung nach Nationalsozialismus und Krieg: Das Österreichbuch. Darin heißt es im Schlusskapitel, das den Salzburger Festspielen gewidmet ist: "Ist doch Österreich gewissermaßen ein erster Versuch des Europäers, ja des Weltbürgers.

Was vielfach bloß ein Wunsch, eine Illusion oder die unerfüllte Vorstellung einzelner Individualisten ist, das ist in Österreich in einem weiten Kreis von Menschen längst verankert: Ohne geneigt oder fähig zu sein, eine andere als die österreichische Luft zu atmen, sind sie dennoch auf eine geheimnisvolle Art über ihr Volk und ihren Staat, ja über sich selbst hinaus zugleich in einer anderen Welt daheim."

Regierungspropaganda

Einen solchen Österreicher hat es natürlich nie gegeben, aber wenn einer diesem Luftgespinst österreichischer Regierungspropaganda doch ziemlich nahe kommt, dann ist es André Heller. Der ist zwar durchaus fähig, eine andere als die österreichische Luft zu atmen, kehrt aber dennoch immer wieder in das Land seiner Liebe und seines Zorns zurück.

Ist Österreicher, Europäer, Weltbürger und "auf eine geheimnisvolle Art zugleich in einer anderen Welt daheim". Folgt man also der beschwörenden Beschreibung des Österreichbuchs, so hieße das: In der Person André Hellers verkörpert sich zumindest annähernd jener idealtypische Österreicher, den sich das katholisch-konservative Lager nach 1945 für die Zukunft des Landes erträumt hatte.

Klima aus Schweigen und Lügen

André Heller ist so alt wie dieser groteske Text und ist als Kind im Milieu dieses Textes aufgewachsen: Das Land von Mozart, Mahler und Joseph Roth sollte reingewaschen werden von aller Mitschuld am Nationalsozialismus und seinen Verbrechen. Niemand - außer ein paar Übeltätern, die ohnehin bestraft werden - hat etwas getan, hat etwas gewusst.

Und Adolf Hitler war kein Österreicher. Und der Nationalsozialismus war eine deutsche Angelegenheit. Von diesem prägenden geistigen Klima aus Schweigen und Lügen war das Kind, sobald es das Haus verließ, umstellt. Fühlte sich zudem daheim zu wenig geliebt, wird schon als Sechsjähriger vorübergehend in ein Schweizer Internat gesteckt und schreibt von dort flehende Briefe: Holt mich heim. Daheim, das ist eine Familie, die für sich nichts Großes mehr in der Zukunft sieht, sondern alle Größe im Vergangenen, im Untergegangenen begraben weiß.

"wean du bist a taschenfeitel"

Das Kind versagt in der Schule - genauer: in den Schulen. Denn es sind mehrere, auf die es vergebens geschickt wird. Und es wird rabiat, sobald es sich stark genug fühlt. Es lehnt sich auf. Damit beginnt ein Leben. Und eine Karriere. Das Österreichische, dem er entstammt, schüttelt André Heller nie ganz ab. Heimito von Doderer, dem er als Halbwüchsiger am Kaffeehaustisch zuhören durfte, beginnt seinen Roman Ein Mord den jeder begeht so: "Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln, wie er will."

Was an Heller als jungem Mann herunterrinnt, ist die Wut. Die richtet sich zunächst und am allermeisten gegen das, was er am besten kennt: gegen Wien, seine Heimatstadt, der er zeitlebens mit Hassliebe verbunden bleibt. Gemeinsam mit Helmut Qualtinger, einem anderen großen Zornigen dieser Stadt, singt er: "wean du bist a taschenfeitel". Darin heißt es: "du gibst kan halt/ und hast ka glander/ möchst gern an jeden owizahn/ dein stolz den hast ins pfandl tragen/ bist halt a puffmadam/ du waßt ka antwort auf mei fragen/ drahst di nur langsam ham"

Heller wird Sängerpoet. Aber er bleibt es nicht, obwohl er erfolgreich ist, mit fast zwei Dutzend Goldenen Schallplatten. Danach wird er Schriftsteller, Schauspieler, Zirkusdirektor, Feuerwerker, Hausbauer und Erfinder von Wunderkammern, Gärtner, Platzgestalter, bildender Künstler, Filmemacher und einiges mehr. Es ist müßig, für ihn eine Berufsbezeichnung finden zu wollen. Als zorniger junger Mann hatte er hochtrabend "Poet" in den Reisepass eintragen lassen. Passt nicht schlecht, auch für später - wenn wir Poesie über den Raum der Sprache hinaus als gestaltende Maxime eines Lebens begreifen.

Feinde fürs Leben

Der 20-Jährige will ganz schnell berühmt werden. Und er wird es. Er will es allen zeigen. Und das tut er. Er schlägt um sich. Er beleidigt. Er schafft sich Feinde. Manche sind ihm bis heute treu geblieben. Feinde fürs Leben. Als "streitsüchtigen Gehirnakrobaten" wird er sich selbst rückblickend bezeichnen. Und er säuft. Eine monatelange schwere Gelbsucht mit 23 rettet ihn, erspart ihm das Schicksal von anderen Großen, die sich in diesem Land zur selben Zeit zu Tode saufen: sein Freund Helmut Qualtinger, Oskar Werner. Die Liste ist lang.

Heller überlebt und gestaltet folgerichtig mit 25 im Fernsehen seinen eigenen Nachruf: "Wer war André Heller?" Da treibt ihn offenbar noch die Angst, vielleicht doch nicht berühmt zu werden. Über seine Landsleute sagt der 25-Jährige: "Die Österreicher werden mit 70 geboren und arbeiten sich langsam auf 50 herunter." Vergreistes Denken und Fühlen also. Eine verhältnismäßig milde Kritik am Land und seinen Bewohnern, gemessen an dem, was später folgen wird.

1993 erscheint sein Erzählband Schlamassel. Darin beschreibt er: "Der Staat war in einem Zustand irreparabel erscheinender Verkommenheit, der bei einem Gebäude den so-fortigen Abriss nahegelegt hätte." Und weiter: "(...) in manchen Augenblicken empfand er es als peinlich und zutiefst unerklärbar, wieso er jemals durch eine geißelnde Liebe Veränderungen in diesem Eldorado der Dummheit hatte erzwingen wollen." Doch im selben Jahr 1993 findet in Wien ein Lichtermeer gegen Rassismus und Xenophobie statt. Es ist die größte Demonstration der Zweiten Republik, und André Heller ist daran maßgeblich beteiligt - wie schon im Jahr davor beim "Konzert für Österreich" auf dem Wiener Heldenplatz gegen den unaufhaltsam scheinenden Aufstieg der FPÖ unter Jörg Haider. Theoretisch gibt er das Land verloren, praktisch kämpft er.

Herrschaft der Mittelmäßigen

Mit diesem Widerspruch lebt er. Hellers Problem: Die Empörung von 1993 ist sprachlich kaum überbietbar. Muss es aber sein angesichts dessen, was folgt. Nachdem er dem Land schon 1993 ein Maximum an Verkommenheit zugebilligt hatte, steigert sich diese Wut noch beträchtlich, als im Jahr 2000 Wolfgang Schüssel mit Jörg Haider ein Regierungsübereinkommen schließt, das sieben Jahre halten sollte. Nun engagiert er sich politisch noch intensiver als zuvor, lässt keine Gelegenheit aus, gegen diese Regierung öffentlich aufzutreten, und spannt den Bogen der Analyse über mehr als ein halbes Jahrhundert.

Im Vorwort einer Edition von verloren geglaubten Gelegenheitsgedichten von Heller und Qualtinger formuliert er es so: "Keine Nation kann die Ermordung und Vertreibung ihrer feinsinnigsten, phantasievollsten, weltoffensten und gebildetsten Bürger verkraften, ohne, neben vielem anderen Schrecklichen, entscheidend an kulturellem Gewicht zu verlieren (...) Die Mehrheit der Politiker und ihrer Wähler begrüßte insgeheim und gelegentlich auch lauthals die schöpferische Ausblutung des Landes als eine Art Schutzschild für die Herrschaft der Mittelmäßigen (...)

Denn ob Dichter oder Universitätsprofessor, ob Komponist oder Leitartikler, ob Regisseur oder Industrieller, im Österreich nach 1945 mußte man sich sehr viel weniger anstrengen, um zwischen Wien und Salzburg, Bregenz, Klagenfurt, Innsbruck und Graz als große Nummer zu gelten als in allen Österreichs davor."

Damit trifft Heller einen entscheidenden Punkt: Es geht nicht nur darum, was zwischen 1938 und 1945 geschehen ist. Das lehnt heute jeder bei gesunden Sinnen ab. Es geht ebenso sehr darum, wie die Zweite Republik ab 1945 mit dieser verheerenden Vergangenheit umgegangen ist. Gerade dieses Thema beschäftigt Heller bis heute. Es geht um das fortzeugende Böse: "Wir haben uns durch das Einlassen allzu vieler Väter und Vorväter mit den Naziverbrechern und durch das bewusste Nicht-Zurückholen derer, die in der Emigration überlebten, auf allen Sektoren die Qualität dieses Landes bis heute versaut", sagt er im Interview mit dem Standard 1996.

Ein Land des Mittelmaßes und der Vergesslichkeit also. Ein "Brennnesselland" nennt es Heller im Gespräch mit Joachim Kaiser, weil es "für schöpferische Menschen selten (hat), was man Glücksluft nennen könnte".

Die "geißelnde Liebe"

Auch wenn es ihm schon Anfang der 90er-Jahre "peinlich und zutiefst unerklärbar" war: Die "geißelnde Liebe" des André Heller zu diesem Land hörte nimmer auf. Wie oft hat er schon erklärt, dass er mit Österreich fertig ist, nichts mehr mit dem Land zu tun haben will? Und dann tut er weiter, mischt sich ein, will verändern. Ein Citoyen, dem das Öffentliche ein Anliegen ist. Niemand käme auf die Idee, ihn für einen begeisterten Österreicher zu halten. Am wenigsten er selbst. Aber er verhält sich, als wäre er einer - allerdings auch wieder nicht im Sinne des Österreichbuchs von 1948. Lauter Widersprüche.

Dabei soll auch nicht übersehen werden, wie viele österreichische Künstlerinnen und Künstler André Heller in seine internationalen Projekte mitgenommen hat. Damit hat er nicht nur den Künstlern selbst geholfen, er hat zudem das Ansehen Österreichs als Land zeitgenössischer Kunst entschieden gemehrt. Als wäre er ein Patriot - ein übel beleumundetes Wort. Und Heller selbst als Künstler. Ist er das? In seiner Jugend wollte er's jedenfalls sein, hat sich als singender Liedermacher auch zu Recht als Künstler verstanden. Später hat ihn die Frage immer weniger interessiert, sagt er: "Mich beschäftigt oder behindert, Gott sei Dank, nicht, was in den Augen der Kunstrichter Kunst ist." So weit André Heller in seiner Münchner Rede zum Marlene-Preis, den er gemeinsam mit Laurie Anderson, Marcel Marceau und Hildegard Knef 1996 erhalten hat, als "Erster Preis der Bühnenunterhaltung des Deutschen Theaters".

Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, weil André Heller, was die Zukunft des Theaters betrifft, extrem skeptisch ist. Ein paar herausragende Bühnen im deutschen Sprachraum werden übrig bleiben, meint er. Der Rest wird in absehbarer Zeit verschwinden.

Herausforderung

Nun sind aber gerade mit der Frage, wie Theater auf Menschen wirkt, wie sehr es sie verändern kann, seit Aristoteles vielfältige Theorien und Hoffnungen verknüpft. Von der reinigenden Katharsis der Antike bis zum bürgerlichen Theater der Aufklärung als "moralischer Anstalt" - die Illusion, was Kunst alles vermag, wurde auch von André Heller eine Zeit lang geteilt: "Derselben Spezies wie Mozart oder Picasso anzugehören, ist eine unglaubliche Herausforderung. Es schließt eigentlich schon den Bau von Gaskammern aus." Das ist ein schöner Gedanke, der der Kunst eine magische und moralische Kraft zuschreibt, die sie zumindest in der abendländischen Kultur nicht hat und wohl auch nie gehabt hat - selbst wenn sie auf Einzelne durchaus so wirken mag.

Das weiß natürlich auch André Heller und hat für sich eine merkwürdige Mischung aus elitärem und populärem Kunstverständnis entwickelt. Elitär ist er darin, dass er höchste Ansprüche an die praktische Umsetzung seiner Ideen stellt, größtmögliche Genauigkeit und Liebe zum Detail fordert, und dass es kaum ein Projekt von André Heller gibt, das nicht auch - verschlüsselt oder direkt - eine "Botschaft" hätte. Das heißt, seine Verwirklichungen "meinen" etwas. Und wollen etwas.

Und populär ist er darin, dass er bei seinen Projekten auf Verständlichkeit und Breitenwirkung zielt. Er will möglichst viele erreichen. Das ging manchmal so weit, dass ihm selbst angst und bange dabei wurde. Das Feuertheater vor dem Berliner Reichstag 1984 war laut Munzinger die Veranstaltung mit der größten Menge zahlender Zuschauer in der Geschichte des Showbusiness: 650.000. Danach hat Heller nie wieder so etwas gemacht. Die Kristallwelten in Wattens, der Bambusmann in Hongkong, die fliegenden Skulpturen über Moskau und New York, Luna Luna, die Lieder, der Botanische Garten in Gardone, das künstlerische Begleitprogramm zur Fußballweltmeisterschaft 2006, die Erzählungen, Afrika! Afrika! - um nur einige wenige seiner Verwirklichungen zu nennen: André Hellers Werk ist so vielfältig und verschiedenartig, dass man es nur unter einem Begriff zusammenfassen kann: unter dem Namen seines Schöpfers. Damit ist André Heller zur "Marke" geworden. So sieht ihn jedenfalls sein Manager Robert Hofferer und erläutert: "Aber all diese Projekte würden ohne die Marke Heller nicht existieren. Da geht es um Qualität und Vertrauen, das man in ihn setzt." Und weiter: "Heller, der als Initiator seinen Marktwert einbringt, bekommt eine Lizenzgebühr, die der Marke entspricht."

Daran ist nichts anstößig. Kunst braucht und hat ihren Markt, den Kunstmarkt eben - wobei wir im Sinne Hellers offen lassen wollen, ob, was er macht, Kunst ist. Weil es ihn nicht interessiert. Über sich selbst sagt André Heller, er sei "dieser neugierige irrlichternde Herr, der in Ausbildung steht". Immer noch. Schönheit, Verfeinerung, frohes Herz: Das sind Begriffe, die dem 60-jährigen Heller wichtig sind. Und weise will er werden. Manchmal ist er es schon. Aber das Rabiate hat er nicht verlernt. (Peter Huemer/DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.3.2007)

Der langjährige ORF-Hörfunkleiter Peter Huemer lebt als Autor und Journalist in Wien.

Es handelt sich bei diesem Text um einen Beitrag, den Huemer für das demnächst im Brandstätter Verlag erscheinende Buch "André Heller. Verwirklichungen" (€ 99,-) schrieb.

  • Ein "neugieriger irrlichternder Herr, der in Ausbildung steht": André Heller 1976 und 2005
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    Ein "neugieriger irrlichternder Herr, der in Ausbildung steht": André Heller 1976 und 2005

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