In den Mühlen der Geschichte

10. März 2007, 14:00
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Die Spuren der Vergan­genheit sind anziehend. Das weiß auch die hie­sige Immobilienbranche und übt sich im Blick über den Straßenrand

Verwertbare Baujuwelen finden sich nicht selten am anderen Ende der Hofeinfahrt. Gelegentlich lässt sogar das Mittelalter grüßen.

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"Erleben Sie Geschichte hautnah", warb kürzlich ein deutscher Reiseveranstalter im Untertitel seiner Wien-Pauschale. Und wahrlich: Die Spuren der Vergangenheit können anziehend sein. Das weiß auch die Immobilienbranche - und stürzt sich in jüngster Vergangenheit mit Vorliebe auf eine der unzähligen Mühlgassen am Rande des vierten Wiener Gemeindebezirks. Ob Mühlgasse, Schleifmühlgasse, Heumühlgasse oder gar Bärenmühldurchgang - die namensgebenden Gebäude sind aus dem Stadtbild beinahe gänzlich verschwunden. Weder der plätschernde Mühlbach, einstiger Nebenarm des selbst so kleinlauten Wienflusses, noch die dazugehörigen Gebäude zeugen heute noch vom ratternden Handwerk der Müller.

Sensation

Die einzige Ausnahme befindet sich im Hof des in Kürze übergabereifen Wohnprojekts Heumühlgasse. Seit Jahren schon steht die so genannte Heumühle unter Denkmalschutz und sitzt im bisher ungeweckten Dornröschenschlaf ihre alten Tage ab. Nach der Generalsanierung der umgebenden Wohnbauten inklusive Dachgeschoßausbau mit rot glänzenden Maisonetten wird sie als letzte in Angriff genommen und wird in Zukunft das i-Tüpfelchen des revitalisierten Ensembles bilden.

Ob es tatsächlich einer bautechnischen Untersuchung bedurft hat, um am halb verfallenen Gebäude dringenden Handlungsbedarf festzustellen? Die Bestandsaufnahme des Baudenkmals mündete sogar in einer kleinen Sensation: Man hatte sich beim Alter um ganze zweihundert Jahre verschätzt. "Wir haben es hier mit dem ältesten erhaltenen Gebäude außerhalb der Stadtmauern zu tun", zeigt sich Barbara Neubauer vom Bundesdenkmalamt überrascht und verweist auf das jüngste Gutachten, dem zufolge es die Mühle bereits Anfang des 14. Jahrhunderts an dieser Stelle gegeben haben soll. Der Nachsatz fällt dann weit weniger euphorisch aus: "Die Instandsetzungskosten sind relativ hoch, eine künftige Nutzung wird das niemals einspielen können." Selbst die Förderung mache bestenfalls ein Viertel der Kosten aus.

Zwist um Absichten

Damit trifft die Landeskonservatorin einen Kernpunkt bei der Umnutzung denkmalgeschützter Bauten: In der Praxis neigt die Begeisterung für die historische Substanz und der Wunsch nach ihrer Erhaltung dazu, sich gehörig mit den kaufmännischen Absichten der Liegenschaftsverwertung zu reiben. Wenn darüber hinaus ein gesteigertes öffentliches Interesse hinzukommt, dann erwächst schnell ein freiwilliger Beirat, der auch den heutigen Eigentümer, eine finanzstarke Gruppe rund um die Immobilienfirma Dr. Jelitzka, ins Grübeln bringt.

"Vieles ist uns erst im Zuge des Projekts klar geworden", erklärt Geschäftsführer Daniel Jelitzka gegenüber dem Standard, "wir haben gemeinsam mit dem Bundesdenkmalamt ausgearbeitet, was zu sanieren ist, und stießen dabei auf Wünsche, die weit über dem lagen, was wir hier ursprünglich machen wollten." Das Gebäude sei dermaßen desolat, dass nur mit konstruktiven Kunstgriffen an eine Folgenutzung gedacht werden könne. Da die bestehenden Mauern nicht zusätzlich belastet werden können, soll in Zukunft ein in das Gebäude eingeschobener Stahltisch die Geschoßdecken tragen.

Auftrieb für das Grätzl

Lohnt sich das für den Immobilienkaufmann überhaupt noch? "Das Gesamtprojekt Heumühle ist kaufmännisch vertretbar und wäre durchaus zu wiederholen", resümiert Jelitzka, freilich müsse man zwischen dem Gesamtbudget und den alleinigen Kosten für das alte Gemäuer unterscheiden: "Selbst mit den bisher zugesprochenen Zuschüssen ist der Umbau der alten Heumühle im Bereich der Liebhaberei anzusiedeln." Letzten Endes schlägt die Schwäche für die Baugeschichte der Heumühle positiv zu Buche: Eine Weckung aus dem Dornröschenschlaf dürfte dem Wert der Immobilie zugute kommen.

Vom historischen Imageträger fühlt sich das gesamte Grätzl ermuntert: Der geplante öffentliche Durchgang etwa klingt in den Ohren der Ladeninhaber wie ein fröhlich plätscherndes Bächlein der Kaufkraft. "Wir haben mit Geschäftsleuten aus der Umgebung Workshops abgehalten und haben dabei eine deutliche Erwartungshaltung ausgemacht", sagt Bettina Wanschura, Gebietsbetreuerin und Mitinitiatorin von "Viertel 4", "die Leute hoffen, dass durch die Heumühle mehr Leute vom Naschmarkt herüberpilgern werden." (Christoph Warnke, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.3.2007)

  • Noch ist die Heumühle aus dem 14. Jahrhundert eine Bruchbude. ...
    foto: standard/hendrich

    Noch ist die Heumühle aus dem 14. Jahrhundert eine Bruchbude. ...

  • Wenn sie demnächst aus dem Dornröschenschlaf geweckt wird, soll sich das ändern.
    foto: warnke

    Wenn sie demnächst aus dem Dornröschenschlaf geweckt wird, soll sich das ändern.

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