"Unzulänglich" und "weit abgeschlagen"

9. März 2007, 20:10
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Eine OECD-Studie aus 2006 attestiert Österreich noch immer "Maternalismus" - Von Von Karin Krichmayr*

Mit der Forderung nach einem "Müttergehalt" zogen die Bischöfe Andreas Laun und Klaus Küng erst kürzlich den Zorn – nicht nur von Müttern – auf sich. Angelehnt an die deutsche Diskussion über Kinderbetreuung hatten sich die kirchlichen Würdenträger und in der Folge FPÖ und BZÖ für eine finanzielle Entschädigung für Mütter, die bei den Kindern zu Hause bleiben, ausgesprochen.

Dass "Maternalismus" zum österreichischen Selbstverständnis gehört, ist einer der Punkte, welche die in 20 Ländern durchgeführte OECD-Studie "Starting Strong" in dem im Juni 2006 veröffentlichten Österreich-Bericht beanstandet. Unter Maternalismus wird jene Einstellung verstanden, die besagt, dass Kleinkinder am besten in der Familie – und dort vor allem bei der Mutter – aufgehoben sind. Ein Prinzip, das die wissenschaftliche Forschung und die langjährige Erfahrung in anderen, insbesondere skandinavischen Ländern längst widerlegt hat. Diese Staaten schneiden, wie Finnland, Belgien und Frankreich, in puncto Kinderbetreuung und -ausbildung am besten ab.

Nicht so Österreich, das mit Deutschland zu den Schlusslichtern zählt: Das lang gehegte und noch immer gepflegte Maternalismus-Prinzip zeitigt hierzulande deutliche Auswirkungen: Die Beschäftigungsquote von Müttern liegt bei unter Sechsjährigen bei 35 Prozent, erst ab dem Schuleintritt steigt sie auf 75 Prozent an. Die Unterrichtszeiten in der Volksschule sind an der Norm ausgelegt, dass die Kinder mittags nach Hause, in die Obhut der kochenden und bei Hausaufgaben helfenden Mutter gehen. Schlimmer aber ist die Situation im Vorschulbereich: Nur elf Prozent der Ein- bis Dreijährigen haben einen Betreuungsplatz, was die OECD als "unzulänglich" betrachtet. Laut Statistik Austria läge der Bedarf zwischen 20 und 40 Prozent. In Dänemark werden schon jetzt 64 Prozent der Kinder bis zu zwei Jahren betreut, gefolgt von Schweden mit 48, Finnland mit 36 und Belgien mit 30 Prozent.

Um die von der Europäischen Union bis ins Jahr 2010 angestrebte Betreuungsquote von 33 Prozent bei den unter Dreijährigen zu erreichen, müssten – der Arbeiterkammer zufolge – jährlich 10.000 neue Plätze für Kleinkinder geschaffen werden, insgesamt würden derzeit 46.000 Betreuungsplätze fehlen. Im Kindergartenalter steigt auch in Österreich die Betreuungsquote zunehmend: 66 Prozent der Dreijährigen und 96 Prozent der Fünfjährigen gehen in den Kindergarten, wobei die OECD hier starke regionale Unterschiede feststellt: So haben im Burgenland 97 Prozent der Dreijährigen einen Betreuungsplatz, in Tirol jedoch nur 48 Prozent.

Kritik erntete auch die europaweit größte Gruppenstärke in den Kindergärten: Während die EU zwölf bis 15 Kinder pro Gruppe empfiehlt, liegt die durchschnittliche Gruppengröße in Österreich bei 25, ein Drittel der Kinder teilt die Gruppe gar mit 27 anderen. Auch was die außerschulische Betreuung betrifft, liegt Österreich weit abgeschlagen: Nur für zehn Prozent der Kinder zwischen sechs und neun werden Hortplätze geboten, wobei in Wien jedes vierte Kind einen Hort besucht, in Kärnten, Oberösterreich und Niederösterreich nur jedes zehnte – in Dänemark und Schweden sind es 70 Prozent. Dazu kommt, dass die vorhandenen Betreuungsplätze nicht den Erwartungen der Eltern entsprechen, insbesondere was die Öffnungszeiten betrifft. Umfragen zufolge würden 155.000 Frauen gerne länger oder Vollzeit arbeiten, wenn dies durch adäquate Kinderbetreuungsangebote möglich wäre.

Am Geld liegt es nicht: 3,3 Prozent des BIP werden für Familien ausgegeben, was dem skandinavischem Niveau entspricht. Jedoch fördert das Kindergeld weiter die maternalistischen Strukturen, da es im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern nicht zweckmäßig (etwa an Betreuungseinrichtungen) gebunden ist, die vorschulische Bildung ist chronisch unterfinanziert. Der Wert, der hierzulande der frühkindlichen Betreuung und Bildung beigemessen wird, lässt sich auch daran ablesen, dass Kindergartenpädagoginnen (99 Prozent sind Frauen) im Schnitt 20 Prozent weniger als Lehrer verdienen, die Arbeitsbedingungen und Fortbildungsmöglichkeiten bezeichnet die OECD als "inadäquat". Zudem ist Österreich das einzige EU-Land, das keine Universitätsausbildung für Kindergarten-Fachkräfte anbietet. Eine "deutlichere, proaktive Rolle der Bundesregierung" empfiehlt die OECD-Studie sowie die "Überwindung eines tieferen gesellschaftlichen Bewertungsproblems".

* Karin Krichmayr arbeitet seit 2005 als Chronik- Journalistin beim Standard. Davor studierte sie Kommunikationswissenschaften und Portugiesisch.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.3. 2007)

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