"Gute Sozialpolitik fängt bei Babys an"

9. März 2007, 20:16
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Gøsta Esping-Andersen, Soziologe in Bologna, erklärt, warum sich Investitionen in Kinderbetreuung auszahlen

Gøsta Esping-Andersen (59) ist Professor für Soziologie in Barcelona. Der Däne gilt als der führende Wohlfahrtsstaats-Forscher Europas. Zuletzt erschien von ihm "Why we need a new Welfare State" (2002).
Im STANDARD-Interview erklärt er, warum man mit mehr Investitionen in Kinderbetreuung nahezu jedes Sozialproblem lösen kann. Von Robert Misik*


Standard: Werden bei uns immer weniger Kinder geboren, weil es zu wenige Kinderbetreuungsstätten gibt?
Gøsta Esping-Andersen: Der alte Wohlfahrtsstaat war um das Modell des männlichen Familienernährers aufgebaut. Wir haben heute eine neue Realität. Frauen wollen arbeiten. Das determiniert die Entscheidung, ob und wann man Kinder will. Das beeinflusst die Geburtenrate. Das bisherige Modell ist kontraproduktiv.

Standard: Wieso das?
Esping-Andersen: Es geht von der Annahme aus, dass es ganz viele freie Betreuungskapazitäten in der Gesellschaft gibt – und zwar in den Familien. Nur ist das nicht mehr der Fall. Deswegen muss ein moderner Wohlfahrtsstaat soziale Dienste anbieten, weil die Familien diese Betreuungsaufgaben nicht mehr erbringen können. Er muss "entfamilialisiert" werden.

Standard: Weil die Reaktion der Frauen und der Paare ist, dass einfach weniger Kinder geboren werden?
Esping-Andersen: Das ist die logische Konsequenz, weil es wenig Hilfe für arbeitende Mütter gibt. Das erste Kind wird später geboren, deshalb gibt es dann weniger. Dabei wissen wir, dass Menschen heute nicht weniger Kinder haben wollen. Die Zwei-Kinder-Familie ist der durchschnittliche Wunsch, die Realität liegt in allen westeuropäischen Gesellschaften darunter, bei durchschnittlich 1,2 bis 1,6 Kindern. Also muss man sich fragen, warum der Wunsch und dessen Erfüllung so auseinanderklaffen.

Standard: Was läuft in jenen Ländern anders, in denen das besser funktioniert, z.B. Skandinavien?
Esping-Andersen: Junge Paare haben es leichter, unabhängig zu werden. In Skandinavien gibt es keine Jugendarbeitslosigkeit. Und: Es gibt genügend Kinderbetreuungsangebote, die auch finanzierbar sind.

Standard:Das klingt, als würde die Familienpolitik zum Schlüssel für Sozialpolitik.
Esping-Andersen: Genau, und zwar weil Mangel und Bildungsmangel in der frühesten Kindheit die späteren Chancen entscheidend einengen. Früher konnte man ein gutes Auskommen haben ohne besondere Qualifikationen. Das hat sich verändert. Früher hat man geglaubt, der allgemeine Zugang zum Bildungssystem würde mehr Gleichheit zur Folge haben. Das ist nicht unbedingt der Fall.

Standard: Warum?
Esping-Andersen: Die Grundlage für soziale Ungleichheit wird in den ersten sechs Jahren gelegt, in jener Phase, in der Kinder de facto privatisiert sind. Die Schule kann kaum mehr korrigieren. Kinder, die in der Familie nicht gefördert werden, keine kognitive Basis bilden, haben praktisch keine Chance. Wir müssen entschieden mehr in die Kinder investieren, wenn wir nicht grobe Ungleichheiten ernten wollen.

Standard: Man wird die Eltern nicht zwingen können, ihren Kindern vorzulesen ...
Esping-Andersen: Deswegen ist hochwertige Kinderbetreuung wichtig, besonders für Unterprivilegierte. Die haben einen hohen Gewinn durch gute Kinderbetreuung. Man denke nur an Migrantenkinder, die in die Schule kommen, ohne die Landessprache gelernt zu haben.

Standard: Gute Sozialpolitik ...
Esping-Andersen: ... fängt bei Babys an. Die skandinavischen Länder sind so gut, weil Kinder nicht mit großen Nachteilen ins Leben starten. Es gibt es ein hohes allgemeines Niveau bei den späteren Bildungsleistungen und deswegen auch hoch qualifizierte Arbeitnehmer.

Standard: Aber führt das dann nicht dazu, dass man später besser qualifizierte Arbeitslose hat – das Vollbeschäftigungszeitalter ist Vergangenheit?
Esping-Andersen: Es ist ein Mythos, der sich leider hartnäckig hält, dass es ein fixes Maß an Arbeitsangeboten in einer Gesellschaft gibt. Das ist nicht der Fall. Ein größeres Ausmaß an qualifizierten Arbeitskräften führt zu mehr Wachstum, Jobs und Chancen. Mit dem Ausbau der sozialen Dienstleistungen würde es aber auch mehr Jobs für niedrig qualifizierte Arbeitskräfte geben – für Pflegehelfer etwa.

Standard: Mit einer solchen sozialen Investitionsoffensive ließe sich also jedes Problem lösen?
Esping-Andersen: Nahezu: Bessere Qualifikation bedeutet mehr Jobs und mehr Beitragszahler für die Sozialversicherungen. Bessere Kinderbetreuungsstätten führen zu mehr Geburten und zu einem besseren Gleichgewicht zwischen Aktivbevölkerung und Rentnern. Und schließlich kann man nur dann, wenn man gut qualifizierte Arbeitnehmer hat, die am Arbeitsmarkt konkurrieren können, erwarten, dass das Pensionsantrittsalter steigt. Das würde wiederum die Rentenkassen entlasten.

* Robert Misik lebt als freier Publizist und Autor in Wien und unterhält einen viel besuchten Webblog unter misik.at.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.3. 2007)

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