"Schülerselbstmord" und Leistungsdruck

14. März 2007, 11:51
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Das Jugendtheaterstück "Klamms Krieg" von Kai Hensel wurde erstmals in Wien aufgeführt - Es handelt von Macht, Autorität und Angst

Die Schulglocke läutet, Lehrer Klamm, ein Mann im Alter von zirka 50 Jahren, betritt das Klassenzimmer, um seinen Deutsch-Unterricht zu beginnen. "'Herr Klamm, wir erklären ihnen den Krieg', haben sie mir also geschrieben," zitiert der Lehrer aus einem Brief. Bald klärt sich auf, woraus diese "Kriegserklärung" resultiert. Der Maturant Sasha hat wegen eines fehlenden Punktes die Deutsch- Matura nicht bestanden und darauf folgend Suizid begangen. Und somit ist auch das Kernthema dieses Stückes erklärt: Es handelt vom Leistungsdruck in der Schule, den Schüler und Lehrer zu bewältigen haben.

In der Wiener AHS Rahlgasse wurde kürzlich das Stück "Klamms Krieg" von Kai Hensel in einer Inszenierung von Georg Mittendrein einem Fachpublikum präsentiert. "Mit einem der erfolgreichsten Jugendtheaterstücke - das meinst inszenierte Stück Deutschlands in der Spielzeit von 2003/2004 und 2004/2005 - wollen wir SchülerInnen für das Medium Theater faszinieren," heißt es in einer Presseaussendung des Business-Theaters. Das Unternehmen möchte "Klamms Krieg" an weiteren Schulen Österreichs zur Aufführung bringen.

Mitverschuldet?

Klamm wird offensichtlich von der Frage gequält, ob er den Suizid seines Schülers mitverschuldet hat und rechtfertigt sich zugleich für die negative Beurteilung: "Ein Lehrer darf nicht beliebt sein, ein guter Lehrer muss Schüler prägen und formen. Schule ist Zwang. Lehrer und Schüler verdanken diesem Zwang ihre gemeinsame Existenz." Die Figur Klamm bewegt sich zwischen dem autoritären Lehrer, der alle Versäumnisse seiner Schüler und Kollegen penibel dokumentiert und "Beweise" sammelt, und einem verzweifelten Menschen, geplagt von Alkoholismus und Einsamkeit.

Pathologischer Lehrer

"Warum immer so ein pathologischer Lehrer, warum muss Schülertheater immer so ernst sein?", fragt Wendelin Schmidt-Dengler, Professor an der Universität Wien. Die Gleichung, dass der Lehrer einen "Fleck" vergibt und der Schüler deshalb dann Selbstmord begeht, ist ihm zu einfach. An der Bezeichnung "Schülerselbstmord" stört sich Mathilde Zeman, Leiterin der Abteilung Schulpsychologie-Bildungsberatung des Stadtschulrates für Wien. Man spreche ja auch nicht von einem Installateur- oder Beamtenselbstmord. "Schule ist keine heile Welt, sondern ein Abbild der Realität, Schwarzweiß-Malerei ist zu plakativ", meint Zeman.

Mitgefühl

Die anwesenden Schüler und Schülerinnen verfolgten das Stück mit großer Aufmerksamkeit und beteiligten sich rege an der anschließenden Podiumsdiskussion. "Ich hatte mit dem Lehrer Mitleid," meinte etwa Zerina, 15. Sie findet, dass sich die Lehrer manchmal zu schnell aufregen. Akash, 16, auf die Frage, was das Theaterstück bei ihm ausgelöst hat: "Ich fand es eher witzig, als der Lehrer wütend geworden ist." (burg/derStandard.at, 9. März 2007)

  • Das Theaterstück "Klamms Krieg" in der Inszenierung von Georg Mittendrein wird in der Schulklasse aufgeführt.
    foto: derstandard.at

    Das Theaterstück "Klamms Krieg" in der Inszenierung von Georg Mittendrein wird in der Schulklasse aufgeführt.

  • Zerina, 15 und Maria, 16 hatten Mitleid mit Lehrer Klamm. "Sich gegenseitig aufbauen" wenn es in der Schule mal schlecht läuft, ist ihr Motto.
    foto: derstandard.at

    Zerina, 15 und Maria, 16 hatten Mitleid mit Lehrer Klamm. "Sich gegenseitig aufbauen" wenn es in der Schule mal schlecht läuft, ist ihr Motto.

  • Akash, 16 verfolgte das Stück interessiert und fand es eher witzig, als sich der Lehrer aufregte.
    foto: derstandard.at

    Akash, 16 verfolgte das Stück interessiert und fand es eher witzig, als sich der Lehrer aufregte.

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