Adam und der Apfel

9. März 2007, 20:05
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Eva als ewige Mutti: Das größte Problem für Frauen ist, dass Kinder zur Frauensache gemacht werden, meint Sibylle Hamann

"Was ist das größte Problem für Frauen?", heißt es ständig. Die Antwort lautet: "Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie." Allein die Diagnose nervt, weil sie Kinder zur Frauensache macht. Von Sibylle Hamann*


Jeder kennt die Geschichte. Sie ist tausende Male passiert. Adam und Eva, beide berufstätig, gehen eine Beziehung ein. Sie räumen abwechselnd den Geschirrspüler aus, zahlen im Restaurant abwechselnd die Rechnung, fühlen sich als gleichberechtigte Menschen. Weil alles so schön und harmonisch ist, ist ein Kind unterwegs. Und dann schlägt die Geschichte zu. Die beiden haben sich nämlich am Küchentisch zusammengesetzt und überlegt, wie sie das mit dem Kind auf die Reihe kriegen. Adam verdient mehr als Eva (er hat nämlich Informatik studiert, sie Kunstgeschichte). Da ist es nur logisch, dass sie eine Zeit lang daheim bleibt und er das Geld heranschafft. Das sei natürlich nur ein vorübergehendes Arrangement, versichern sie einander. Sobald das Baby krabbeln kann, werde man sich etwas anderes überlegen. Dann wechsle man ab. Dann komme er dran. Dann stelle man einfach wieder auf Gleichberechtigung um. Zu den drögen Mutti-Vati-Eltern gehören wir nämlich nicht, sagen Adam und Eva, nie und nimmer. Küchenschürze und Pantoffeln kommen uns nicht ins Haus.

Dann ist das Baby also da. Die schicke Eva-Mama, den iPod im Ohr, schiebt den Buggaboo über den Naschmarkt und schlägt im Drogeriemarkt die Zeit tot. Abends kommt der schicke Adam-Papa aus der Arbeit, es ist wieder einmal ein bisserl später geworden. Die Verantwortung lastet jetzt schwer auf seinen Schultern, er muss ja neuerdings eine Familie ernähren. Doch, selbstverständlich schaukelt auch er das Baby, wenn er Zeit hat, man ist ja im Prinzip gleichberechtigt. Doch wären die beiden ehrlich, sie müssten zugeben: Aus der Nähe betrachtet, ist das ganze Arrangement dem drögen Mutti-Vati-Modell nicht sehr unähnlich, den iPod vielleicht ausgenommen.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Das Baby will Brei. Weder Adam noch Eva tragen ein Gen in sich, das sie zum Brei-Anrühren prädestiniert. Aber sie hat, in all den Monaten daheim, schon ein bisserl Routine mit dem Pulverzeug aus dem Drogeriemarkt. Er zögert kurz – vielleicht macht er den Brei zu heiß oder zu bröselig, dann weint das Baby, und er ist schuld? Sie rührt also den Brei. Sie rührt dreimal den Brei. Und wenn er es beim vierten Mal zaghaft versuchen will, schubst sie ihn beiseite, denn jetzt kann sie es besser, garantiert. Eva weiß inzwischen eben genauer, wie das Baby tickt. Sie versteht, was es meint, wenn es sich am Ohr zupft. Sie muss zugeben, dass sich Adam, wenn er dem Baby den Pullover über den Kopf zieht, ein bisserl ungeschickt anstellt. Sie fragt sich, ob man die beiden wirklich den ganzen Tag allein lassen kann. Ob sie nicht doch noch ein paar Monate länger daheim bleiben sollte, zumindest bis das Kleine gehen kann?

Und dann ist es wieder einmal passiert. Während das Baby sich zum Kleinkind ausgewachsen hat, ist Eva Mutti geworden. Sie ist zuständig und wird irgendwie zuständig bleiben, weil sie all die tausend Dinge einfach routinierter, selbstverständlicher auf die Reihe kriegt: Sie hat den Überblick, wann die Feuchttücher ausgehen, sie weiß, welche Salbe für welchen Popozustand die beste ist, welche Sorte Früchtebrei am wenigsten gezuckert ist, und sie wird die Termine mit den Tagesmüttern in ihrem Kalender notieren.

Adam ist gleichzeitig Vati geworden. Er hört sich alles nach Feierabend interessiert an und kommentiert. Aber so wirklich, richtig geht es ihn eigentlich nichts an. Er hat anderes zu tun. Obwohl: Eigentlich hat Eva ebenfalls anderes zu tun. Selbstverständlich arbeitet sie inzwischen wieder, eine dröge Hausfrau wollte sie ja nie sein. Doch sie ist anders berufstätig als er. Sie erledigt einen Auftrag zwischendurch am Küchentisch und macht ihre Telefonate mittags, wenn das Baby schläft. Sie arbeitet, wenn das Kind gesund und fröhlich ist; wenn es hingegen Durchfall hat, verschiebt sie ihre Termine; wenn der Babysitter ausfällt, ebenso. Sie hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie aus dem Haus geht, obwohl es gerade Zahnweh hat. Er hat kein schlechtes Gewissen, denn das würde am Zahnweh nichts ändern. So geht die Geschichte, jeden Tag in Österreich. "Was ist das größte Problem für Frauen?", heißt es tausendfach in Zeitungsartikeln, Diskussionsveranstaltungen und Expertenstudien. Die Antwort lautet, tausendfach: "Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie." Einerseits ist diese Diagnose natürlich richtig. Gleichzeitig nervt sie. Sie nervt, weil sie, wieder einmal, Kinder zur Frauensache macht. Sie zurrt die Verantwortung für deren Wachsen, Wohlergehen und Gedeihen an den Müttern fest, und zwar ausschließlich an ihnen.

Eva darf arbeiten gehen - wenn sie das locker mit dem Popowischen "vereinbaren" kann >>>

Natürlich darf eine Mutter einen Beruf ausüben, klar, sie soll sogar, wir sind ja fortschrittlich (und brauchen überdies ihr Geld und ihre Arbeitskraft). Wenn sie das locker mit dem Popowischen "vereinbaren" kann – cool! Wenn sie es irgendwie nicht schafft – na ja, dann muss sie mit dem schlechten Gewissen halt leben lernen. Oder sich eine Alternativlösung überlegen. Sind doch sonst immer so kreativ, die Frauen. Soll ihnen halt was einfallen! Genau dieser perfiden Logik entspricht die herrschende Ideologie zum Thema Kinderbetreuung. Hört man der Debatte in Österreich zu – man könnte den Eindruck bekommen, Krippen, Kindergärten, Horte seien gar nicht für die Kinder da, sondern für die Frauen. Nicht "Bildungseinrichtungen" werden sie genannt, in denen Kinder sich sozial entwickeln und Wichtiges fürs Leben lernen. Sondern "Betreuungseinrichtungen", die Müttern beim "Vereinbaren" helfen, wenn die mit der "Doppelbelastung" nicht zurande kommen. Das Wort klingt nach bewachter Garderobe, an der man Kinder vorübergehend ablegen kann, wenn man grade alle Hände voll hat.

So ähnlich funktionieren Kindergärten in weiten Teilen Österreichs, vor allem auf dem Land, tatsächlich. Sie schenken Eva ein paar Stunden am Vormittag, damit sie den Termin bei der Krankenkasse wahrnehmen kann, die neuen Küchenfliesen aussucht, die Angebote für den Familienurlaub vergleicht. Die Zeit ist gerade lang genug, dass sie einmal ordentlich zum Putzen kommt und den Großeinkauf für die Woche erledigt. Dann geht sich noch schnell Kochen aus, bevor das Kind um zwölf wieder abgeholt werden soll.

Die prinzipiell zuständige – und physisch jederzeit verfügbare – Mutti wird bei dieser Art Betreuung selbstverständlich vorausgesetzt und stillschweigend immer mitgedacht. Sie steht den ganzen Tag daheim bereit, falls sie gebraucht wird. Beim Eislaufen oder Museumsbesuch soll sie mitkommen. Zu Ostern soll sie Nestchen basteln, im November Laternen, zwischendurch Buchstaben in Kuchenform, und dann bitte auch noch Flöte üben. Eva kann sich diesen romantisch imprägnierten Erwartungen natürlich forsch widersetzen, auf ihren Ruf als Rabenmutter pfeifen und aufs Ganze gehen. Dann lässt sie das Kind bis drei Uhr nachmittags in der Krippe (immer vorausgesetzt, sie hat sofort nach der Geburt des Kindes einen Platz reserviert) und geht zusätzlich halbtags arbeiten. Selbstverständlich kriegt sie dabei keinen Fuß auf den Boden – denn wie soll man etwas weiterbringen zwischen neun und zwei, wenn die wirklich wichtigen Dinge erst nach Dienstschluss bei ein, zwei Bier besprochen werden?

Eva hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie wegen der Feuchtblattern schon wieder Pflegeurlaub nimmt – sowohl gegenüber dem Kind als auch gegenüber den Kollegen. Wenn die Lehrerin anruft, weil das Kind sich beim Toben das Knie aufgeschlagen hat, murmelt sie etwas von einem Kundengespräch und hetzt aus der Tür. Sie macht die Schwindelei wett, indem sie anderntags zwischen neun und zwei gleich viel arbeitet wie die anderen in Vollzeit, bloß um die Hälfte des Gehalts. Sie wird auf keine Fortbildungsseminare geschickt, für keine aufregenden Projekte eingeteilt und kommt prinzipiell für keine Leitungsfunktion infrage. Natürlich nicht, möchte man fast sagen. Ist doch eh klar.

Es ist nämlich jetzt so: Adam-Vati ist weiterhin Fleischhauer, Architekt oder Sparkassenangestellter, mit intakten Aufstiegschancen, so als sei nichts geschehen. Eva-Mutti hingegen ist nun, egal was sie vorher war, eine "doppelt belastete Mutter" mit einem "Vereinbarkeitsproblem". Er verfolgt seinen Arbeitsalltag unirritierbar, je mehr Kinder, desto besser, eine Familie zeugt schließlich von Verantwortungsbewusstsein und intakten Werten. Sie hingegen steht unter permanentem Erklärungsnotstand, muss sich rechtfertigen vor Vorgesetzten, Schwiegereltern und Nachbarn. "Was tun Sie denn, wenn das Kind krank wird?", fragt der Chef, wenn sie sich für eine Beförderung bewirbt, und: "Sind Sie sicher, dass sich das alles ausgeht bei Ihnen?"

Spätestens hier beginnt das schöne Wort "Wahlfreiheit" schal zu klingen. Die Wahl haben Frauen erst, nachdem vorab die primären Zuständigkeiten geklärt, gestempelt und akzeptiert sind. Du kannst es dir aussuchen: Langeweile als Hausfrau oder Doppelbelastung als berufstätige Mutter. Deine Kinder, deine Entscheidung, dein Leben. Aber glaub bloß nicht, dass mich das als Mann auch nur irgendwie beeinflusst. Schon fügen sich all die ideologischen Spukbilder, die die Debatte dieser Tage so unerträglich machen, nahtlos ineinander. Die schicke Super-Power-Karriere-Mutter, die locker mit Handy und Babyrasseln jongliert, während sie einen Weltkonzern leitet, paradiert, als Parodie ihrer selbst, durch die Hochglanzillustrierten. Die überforderte Prolo-Mutter, die ihre Kinder mit Chips und Videospielen vollstopft, wird von der "Supernanny" als Zombie im Unterschichtenfernsehen vorgeführt. Gemeinsam ist beiden, dass sie bemitleidenswerte Gestalten sind – und mit ihrer "Vereinbarkeitsfrage" in der Gesellschaft ziemlich allein dastehen.

Wollte man die Kinderbetreuungsdebatte mit einem Schlag versachlichen und verehrlichen, es wäre gar nicht schwer. Es würde reichen, eine simple Wahrheit auszusprechen: Vereinbarkeit ist kein Problem, das in den weiblichen Genen liegt. Kinder sind Männersache. Wetten, es ginge plötzlich alles sehr viel einfacher?

* Sibylle Hamann ist seit 1995 profil-Redakteurin. Soeben erschien von ihr "Dilettanten unterwegs. Journalismus in der weiten Welt" im Picus-Verlag.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.3.2007)

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    Eva ist Mutti geworden, weil sie zuständig ist – und sie wird zuständig bleiben. Aber: Kinder sollten Gesellschaftssache sein. Die Realität in Österreich sieht anders aus: Es gibt zu wenige freie Betreuungsplätze, die Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen sind schlecht ausgebildet und unterbezahlt, und die Gruppen sind viel zu groß.
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