"Bobby": Im Hotel der Hoffnungen

10. März 2007, 22:06
posten

Nostalgische Rückbesinnung: Emilio Estevez’ Episodenfilm "Bobby" thematisiert den Mord an Senator Robert F. Kennedy

Wien – Der 4. Juni 1968 war ein Tag, an dem eine viel versprechende Politikerkarriere abrupt endete. Robert F. Kennedy – von seinen Anhängern jovial Bobby genannt – hatte die kalifornischen Vorwahlen zu bestehen. Sein Gegner war Eugene McCarthy, ein Sieg hätte den Weg zur Präsidentschaftskandidatur geebnet. Er konnte ihn nicht mehr nützen. Kennedy wurde vom Palästinenser Sirhan Sirhan kurz vor Mitternacht im Hotel Ambassador in Los Angeles ermordet.

Das sind die Fakten. Emilio Estevez lässt in seinem Regiedebüt Bobby diesen Tag noch einmal anbrechen. Ort des Geschehens ist ebenjenes Hotel, in dem man der Wahlparty Kennedys entgegenfiebert. Nicht Kennedy und sein Tross stehen im Mittelpunkt des Films, sondern die Menschen im Hotel: Angestellte und Gäste, die einmal mehr, ein mal weniger mit dem politischen Ereignis in Verbindung stehen; denen aber zumindest eine ideelle Nähe zum Politiker zu Eigen ist: Bobby ist der Hoffnungsträger, mit dessen Tod in den USA eine Utopie erloschen ist. Das sind die Behauptungen. Sie machen Emilio Estevez’ sehr persönliches Projekt, an dem er jahrelang gearbeitet hat und mit dem er eine persönliche Krise zu überwinden suchte, einerseits angreifbar – Kennedy war mitnichten die widerspruchsfreie Lichtfigur, wie der Film suggeriert – und zugleich auch signifikant.

Liberale Stars

Denn dass sich ein All-Star-Cast (u.a. Anthony Hopkins, Helen Hunt, William H. Macy, Demi Moore, Sharon Stone) aus liberal gesinnten Hollywood-Darstellern dazu einfindet, das mag auch vom dringlichen Wunsch nach einer (Rück-)Besinnung auf Führerfiguren zu erzählen: Sie sollen ein gespaltenes Land wieder einen. Nicht umsonst zählt das Archivmaterial, auf dem man Kennedy als rhetorisch gewandten Anwalt des Volkes erleben kann, auch zum Eindruckvollsten des Films.

Weit weniger überzeugend ist jene Erzählhaltung, mit der Bobby die vergleichsweise banalen Alltagsdramen der Figuren zu jenem Moment des Utopieverlusts in Beziehung setzt. Das Muster geben Hotelfilmklassiker wie Grand Hotel vor – ein Kommen und Gehen von Akteuren, die sich zum Gesellschaftspanorama zusammenfügen, in dem das Politische als Sensibilität wirksam wird: ein junges Paar (Elijah Wood und Lindsay Lohan), das heiratet, damit er dem Dienst in Vietnam entgeht; ein rassistischer Küchenchef (Christian Slater), der seine Latino-Bediensteten nicht zur Wahl gehen lässt; ein schwarzer Wahlhelfer (Nick Cannon), der an das Ende der ethnischen Auseinandersetzungen durch Kennedy glaubt.

Was an diesen Episoden zu demonstrativ gerät – die Figuren werden zu Ideenträgern degradiert –, entgleitet in anderen zur Seifenoper: Paare, die einander betrügen oder solche, die sich entfremdet haben – sie wirken zu zeitlos klischeehaft, um etwas Wesentliches zu diesem Zeitbild beizutragen. Womöglich ist das Hotel, trotz der ethnischen Mischungen, einfach der falsche Ort für diesen Paradigmenwechsel: Die wahren Kämpfe fanden draußen statt. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD/Printausgabe, 10./11.03.2007)

  • Artikelbild
    foto: kinowelt
Share if you care.