"Das ist die Freiheit, die ich meine"

9. März 2007, 19:25
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TA-Chef Boris Nemsic erzählt im STANDARD-Gespräch, was schnelle SMS mit Krawatten und Konkurrenzfähigkeit zu tun haben

Das Handy hält der Telekom-Austria-Boss "nicht nur aus geschäftlichen Gründen" für ein Symbol der Freiheit. Wobei er langsam ist, erzählte er Renate Graber.

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Nemsic: Oh, Sie haben noch ein richtiges Tonband, die gute, alte analoge Technik.

STANDARD: Ja, bei der digitalen kenne ich mich noch nicht aus. Darf ich etwas fragen?

Nemsic: Klar.

STANDARD: Sie sagen, Sie halten nicht viel von Regeln, die raubten Flexibilität. Wie kann der TA-Chef und Herr über 15.400 Mitarbeiter ohne Regeln leben?

Nemsic: Ich lebe natürlich nicht ohne Regeln. Aber ich befolge keine, die reiner Selbstzweck sind, sich selbst ad absurdum geführt haben. Mir reichen schon die Regulierungen in unserer Branche. Man hat Freiheit für den Markt geschaffen, jetzt, da das gelungen ist, sehen sich die Regulatoren "arbeitslos" und regulieren, was ihnen gerade einfällt: sogar Marktanteile, Profitabilität. Die EU differenziert viel zu wenig zwischen großen und kleinen Märkten. Ich wünsche mir, dass das endlich jemand versteht.

STANDARD: Eine Ihrer Regeln ist, ständig zwei, drei Handys aufgedreht zu haben, während Terminen SMS und Mails zu schreiben. Sie nennen das Multitasking, ich eher Unhöflichkeit. Was ist es?

Nemsic: Ein bisserl von allem. Und Zeitmanagement - was wichtig ist, weil Zeit kann man nicht kaufen.

STANDARD: Sagte schon Ihre Hollabrunner Oma Editha.

Nemsic: Ja, hat die Großmutter gesagt und sich als richtig erwiesen. Man kann aber etwas Zeit zurückgewinnen und sie ausnützen. Heute haben wir die technischen Mittel dafür, das ist perfekt. SMS und andere Kommunikationskanäle sind herrlich schnell, da kann ich wo sitzen und ein SMS bekommen: "Du, richte dir deine Krawatte, die sitzt schief." (Greift an die Krawatte.)

STANDARD: Sitzt perfekt.

Nemsic: Jetzt hab' ich ja kein SMS bekommen, aber in Pressekonferenzen passierte das schon. Da war ein "Danke"-SMS angebracht.

STANDARD: So wird die Unhöflichkeit zur Höflichkeit.

Nemsic: Eigentlich ja.

STANDARD: Es geht Ihnen um Zeitgewinn. Was fangen Sie mit der gewonnenen Zeit dann an?

Nemsic: Da tue ich andere Dinge. Ich bin immer sehr stolz, wenn ich es schaffe, vor 20 Uhr daheim zu sein. Und dann gehe ich laufen. Im Lainzer Tiergarten, oder im Keller.

STANDARD: Die TA hat 10,2 Millionen Handy-Kunden, die meisten im Ausland. Für Sie ist das Handy ein "Symbol für Freiheit". Glauben Sie das ernsthaft?

Nemsic: Ja. Was immer wir tun, es ist Kommunikation. Das Handy hat dem eine Dimension hinzugefügt, die uns unabhängig macht von Zeit und Ort. Das ist die Freiheit, die ich meine. Und das Schöne am Handy ist: Jeder hat es. Mit wem immer ich kommunizieren will: Ich kann es tun.

STANDARD: 2,6 Mrd. Menschen haben eines, weniger als ein Drittel der Weltbevölkerung.

Nemsic: Ja, aber in Österreich hat fast jeder ein Handy. Das Online-Sein hat zudem den Vorteil, dass man nicht an die Echtzeit gebunden ist, ich muss nicht sofort abheben, kann später zurückschreiben, später rückrufen. Ich kann Ihnen jetzt sagen, was ich von Ihnen will, wenn Sie mir in einer halben Stunde antworten, bin ich zufrieden.

STANDARD: Sie vielleicht. Nervt sie die ständige Verfügbarkeit nicht? Es gibt Manager, die vertraglich als Bonus fixieren, nicht ständig erreichbar sein zu müssen. Ihre Freiheit empfinden andere als Gefängnis.

Nemsic: Ich sehe das ganz anders, nicht nur aus geschäftlichen Gründen. Das Handy ist nur ein Instrument. Ein Telefon. Früher musste ich zum Telefonapparat ins Vorzimmer gehen ...

STANDARD: ... hoffen, dass der Nachbar nicht spricht, wenn es kein ganzer Anschluss war ...

Nemsic: Eben, heute gibt es das Handy, und das hat mehrere Funktionen. Eine davon ist Ausschalten. Kann man tun.

STANDARD: Sie fahren vielleicht nicht oft U-Bahn...

Nemsic: .... doch.

STANDARD: Mich stört das ständige "Wo bist Du? Ich bin grad dort oder da". Sie nicht?

Nemsic: Sie verwechseln da etwas. Man darf das arme Ding nicht für die Unkultur seines Benutzers verantwortlich machen. Wenn einer nicht duscht und trotzdem U-Bahn fährt, geben Sie ja auch nicht den Wasserwerken die Schuld. Ich selbst telefoniere selten in der U-Bahn, dort schreibe ich eher Mails, was ich in der Straßenbahn auf der Ringstraße nicht tue: Da schaue ich aus dem Fenster - und die Seele ist voll.

STANDARD: Dass Sie Ihr Handy kaum abdrehen: Hat das mit dem Gefühl der Unersetzbarkeit zu tun?

Nemsic: Meine Motivation ist das nicht, es ist ja niemand unersetzlich. Unser Geschäft hier läuft 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Es muss immer wer erreichbar sein. Ob ich dazugehöre? Zum Teil: ja. Wenn in der Nacht etwas passiert ist, möchte ich das nicht von Ihnen erfahren, sondern in der Früh, wenn ich ins Handy schaue.

STANDARD: Mir ist es umgekehrt lieber. In Österreich ist die Handy-Dichte mit 114 Prozent extrem hoch. Warum?

Nemsic: Weil der Markt sehr früh liberalisiert wurde, das hat den Wettbewerb stimuliert. So wurde die Mobilkommunikation sehr früh leistbar.

STANDARD: Erstaunliches Phänomen für Österreich.

Nemsic: Finde ich nicht, in Österreich ist der Wettbewerb in mehreren Branchen sehr intensiv. Telekommunikation ist nur ein extremes Beispiel.

STANDARD: Früher schrieb man Briefe, dann Telex, dann Fax, jetzt gibt es Mails und SMS. Wie schnell wird's noch?

Nemsic: Die Spirale dreht sich immer weiter, aber der Mensch bestimmt die Geschwindigkeit. Er entscheidet, wann er antwortet. Wir leben in einer globalen Welt, das ist ein Faktum. Wir müssen wettbewerbsfähig sein, wenn wir gut leben wollen.

STANDARD: Was ist gut leben?

Nemsic: Ich meine nicht den Mercedes oder Golfschläger, sondern ein ganz normales Leben: normales Gehalt, ins Kino gehen, Urlaub, ab und zu essen gehen. Um das zu erhalten, müssen wir wettbewerbsfähig sein, und dabei messen wir uns nicht mehr mit dem Michi vom Nebenbüro, sondern mit Amerika, China, Indien, Japan, Korea gleichzeitig. Dafür brauchen wir Werkzeuge und Methoden, deswegen kommunizieren wir, deswegen ist einer langsamer und einer schneller.

STANDARD: Für den Klagenfurter "Verein zur Verzögerung der Zeit" sind Sie nichts. Das ist so etwas wie Slowfood aufs Lebenstempo umgelegt.

Nemsic: Ich liebe Slowfood!

STANDARD: Wie lange essen Sie da?

Nemsic: Endlos. Das mag ich an Amerika so absolut nicht: Diese Slots zum Essen, da kriegen Sie einen Tisch und nach 90 Minuten werden Sie rausgeworfen. Slowfood ist das Beste, was es gibt, da gibt es ein wundervolles Restaurant bei Opatija in Kroatien, das Kukuriku. Da sitze ich dann sechs Stunden, esse einen Gang nach dem anderen ...

STANDARD: Bitte! Sie urlauben am liebsten auf der kroatischen Insel Vis, haben sich eine Marke aufgebaut, zu der Ihre vielen Handys gehören, Ihre angebliche Fähigkeit, alles gleichzeitig zu tun, Ihr 60-PS-Schlauchboot, Acht-Millimeter-Bart ...

Nemsic: 0,8 Millimeter.

STANDARD: Sorry. Wo ich aus Service-Gründen hinwill: Sie schlafen in Ihren Urlauben fürs ganze Jahr vor. Wie geht das?

Nemsic: Ich brauche viel Schlaf, acht Stunden pro Tag, wenn nicht zwölf.

STANDARD: Uje.

Nemsic: Genau. Darum schlafe ich im Urlaub so lange, bis ich von selbst aufwache. Das ist die Zeit, die ich selbst takte und in der ich auftanke.

STANDARD: Schlafen Sie nicht eher nach als vor?

Nemsic: Diese Rechnung habe ich längst vergessen.

STANDARD: Nicht vergessen haben Sie sicher Ihre drei vorjährigen Schlappen. Die TA wollten in Serbien, der Slowakei und Bosnien-Herzegowina zukaufen, hat nichts davon bekommen. Wie soll die TA weiter wachsen?

Nemsic: Die Einstiegskonditionen in Serbien und Herzegowina waren völlig jenseitig. Bei uns geht es um zukunftsweisende Kaufentscheidungen, nicht um den Oscar: Den bekommt man für etwas, was man gemacht hat: Film gedreht, Film läuft, Oscar ja oder nein. Bei uns ist es umgekehrt. Wir machen strategische Akquisitionen, ich muss die Klugheit unserer Entscheidungen für die Zukunft beweisen. Da muss man kühlen Kopf bewahren.

STANDARD: Sie brauchen aber eine Börsen-Story, Investments. Wie sehr reflektieren Sie auf die griechische OTE?

Nemsic: Wir bauen jetzt Serbien auf, wo wir im zweiten Anlauf zu guten Bedingungen gewonnen haben, und Mazedonien. Die OTE ist unser direkter Konkurrent, es ist unsere Pflicht, uns die anzuschauen. Entscheiden wird die Athener Regierung; wir sind dort nicht in der Poleposition. Bosnien-Herzegowina versuchen wir jetzt zum dritten Mal; mehr ist nicht zu sagen.

STANDARD: Die OECD empfiehlt Österreich, den Telekombereich weiter zu privatisieren. Die TA gehört zu 27 Prozent der ÖIAG, Finanzminister Molterer hat sich nicht eindeutig festgelegt. Sagen Sie etwas dazu?

Nemsic: Ja: Das ist Sache des Eigentümers.

STANDARD: Sie sind seit Mai TA-Chef, haben seither 7000 Beamte unter sich, gelten als Beamtenhasser ...

Nemsic: Ich hasse niemanden. Mir ist es herzlich egal, ob wer einen Beamten- oder einen Angestelltenvertrag hat. Hauptsache, er arbeitet und kann sich an die Anforderungen anpassen. Und das geschieht, sonst hätten wir 2006 nicht allein beim Gewinn 37 Prozent zugelegt. Es gibt nur keinen vernünftigen Grund, dass das Telekom-Geschäft heute Staatsaufgabe ist.

STANDARD: Das ist ja das Problem - zumal sich Ihre Branche radikal wandeln wird.

Nemsic: Ja, aber wir müssen mit unseren Rahmenbedingungen leben, "Wünsch dir was" wird nicht gespielt. Unsere Mitarbeiter wissen das, und sie verändern sich.

STANDARD: Sie sich auch?

Nemsic: Jeden Tag. Weil ich jeden Tag etwas Neues lerne.

STANDARD: Sie kamen 1985 zum Dissertieren aus Sarajewo nach Wien. Von 23 Ihrer Maturakollegen kehrten nach dem Krieg 18 nicht mehr in ihre bosnische Heimat zurück. Was halten Sie von der hiesigen Fremden- und Asylpolitik?

Nemsic: Wenn es wichtig war, waren die Österreicher da, ob für Tschechen, Ungarn oder Kroaten. Der tagtägliche Umgang mit Asylanten ist mir unerklärlich, in der ganzen EU.

STANDARD: Ich habe Sie via Archiv genau studiert, kann Sie aber politisch nicht einordnen. Wo stehen Sie?

Nemsic: Ich ordne mich nicht ein. Die Demokratie ist mir absolut heilig, ich bin im Einparteiensystem aufgewachsen.

STANDARD: Letzte Frage: Worum geht's im Leben?

Nemsic: Um die Zeit. Wir haben alle 24 Stunden täglich, und es geht darum, zufrieden zu sein, mit dem, was man jetzt gerade macht. Man kann nicht in der Zukunft leben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.3.2007)

Zur Person
Boris Nemsic (49) hat im Mai seinen Förderer Heinz Sundt überholt und führt die Telekom Austria (4,8 Mrd. Euro Umsatz) seither selbst. 1985 kam der bosnische Kroate, Enkel eines Wiener k. u. k.-Forstmeisters und Juristen-Sohn, von Sarajewo nach Wien, um hier zu dissertieren.
Der Elektrotechniker (als Kind wollte er Taucher werden) entwickelte die Mobilkommunikation für Ascom und Bosch. 1997 ging der zweifache Vater und Ex-Handball-Tormann (bei Meister Stockerau) zur Mobilkom, baute ihr Handy-Netz in Kroatien auf, wurde 2000 Mobilkom-Boss. Der "stolze" TU-Unirat verbirgt seine Dominanz hinter legerem Auftritt, den er gern bei Society-Events gibt.
  • Telekom-Chef Boris Nemsic will keinen Oscar gewinnen und bei der TA-Expansion "kühlen Kopf bewahren". Der Umgang mit Asylanten in der EU ist dem gebürtigen Kroaten "unerklärlich".
    foto: standard/hendrich

    Telekom-Chef Boris Nemsic will keinen Oscar gewinnen und bei der TA-Expansion "kühlen Kopf bewahren". Der Umgang mit Asylanten in der EU ist dem gebürtigen Kroaten "unerklärlich".

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