Kampf der Kandelaber: Bürokratie in der Kunstförderung

3. Juni 2007, 19:33
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"Absurd" und "barbarisch" findet MAK-Direktor Noever das Vorgehen der Stadt Wien: Ambitionierte Kunstprojekte würden in Bürokratie erstickt

Wien – Wien – "Wien muss anscheinend immer mehr wie vor 100 Jahren ausschauen, während künstlerische Initiativen in der Bürokratie ersticken. Es ist Verpflichtung der Kunstinstitutionen, sich dazu zu äußern", begründet Peter Noever, langjähriger Direktor des MAK, den gemeinsam mit Gerald Bast, dem Rektor der Universität für angewandte Kunst, verfassten offenen Brief an den Wiener Planungsstadtrat Rudolf Schicker (SP).

Anlass sind Reproduktionen historischer Kandelaber, die nach und nach die Ringstraße bevölkern – für Noever schlicht "ein barbarischer Akt". Vergangenen November wurden sie vor dem MAK und der Angewandten aufgestellt, woraufhin Noever um Absprache bat. Daraufhin sei ihm von Schicker und der zuständigen Magistratsabteilung 33 zugesichert worden, ein eigenes Konzept für die öffentliche Beleuchtung vor den Institutionen zu entwerfen und gegebenenfalls finanziell zu unterstützen, berichtet Noever dem Standard. Drei internationale Designer wurden beauftragt, Entwürfe angefertigt – bis die Stadt Ende Jänner entschied, dass kein Weg an einer einheitlichen Ringstraßenbeleuchtung mit Nostalgie-Flair vorbeiführe. Eine definitive Zusage zu zeitgenössischen Leuchten habe es nie gegeben, beteuert man im Stadtratsbüro. Die Wünsche von MAK und Angewandter seien aber berücksichtigt worden, indem die blaue Fensterbeleuchtung aufrechterhalten werden kann.

Für Noever, der auf das Recht pocht, künstlerische Experimente aus den Museumsmauern zu tragen, ist dieser Kompromiss ein Affront – insbesondere, weil er in den letzten 20 Jahren immer wieder Initiativen im öffentlichen Raum "mühevoll" (durch-)gesetzt hat: von einer Donald-Judd-Skulptur im Stadtpark, deren Aufstellung der Künstler aufgrund des langwierigen Genehmigungsprozesses nicht mehr erleben konnte, bis zu Franz Wests Lemurenköpfen auf der Stubenbrücke.

Noevers jüngstes Projekt hat auch mit Beleuchtung zu tun und harrt seit 2004 der Umsetzung. 150 gusseiserne Originalstraßenlaternen aus dem Los Angeles der Art-déco-Zeit möchte der Aktionskünstler Chris Burden in Kolonnaden aufstellen und damit einen verbindenen Leuchtstrahl zwischen der Innenstadt und dem Bahnhof Wien-Mitte schaffen.

Schicker reagierte auf den_offenen Brief wütend. "Wir lassen diese vehementen Vorwürfe nicht auf uns sitzen", sagte er. Versäumnisse der Stadt könne er nicht feststellen, "denn jeder Maronibrater weiß, welche Genehmigungen für seine Tätigkeit einzuholen sind", so Schicker: "Noever und Bast sollten es auch wissen." (Karin Krichmayr / DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.03.2007)

  • Reproduktionen von Kandelabern auf der Ringstraße.
    foto: standard/corn

    Reproduktionen von Kandelabern auf der Ringstraße.

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Chris Burdens "Urban Light"-Skulptur aus Originallampen harrt der Umsetzung.
    rendering: burden

    Chris Burdens "Urban Light"-Skulptur aus Originallampen harrt der Umsetzung.

  • Offener Brief der Angewandten
    faksimile der standard

    Offener Brief der Angewandten

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