Die ORF-"Revolution"

9. März 2007, 18:45
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Der wahre Qualitätswandel wird an den aktuellen Sendungen zu messen sein

In dreißig Tagen startet eine ORF-Revolution, wird aufgeregt kolportiert. Nun, eine Revolution wäre es, mutierte das Fernsehen in einen Kanal à la CNN und einen zweiten Kanal à la Arte. Das ist es nicht. Zu bewerten haben wird man ab April, ob die Programm-Reifen neu oder nur runderneuert sind.

Einem Print-Chefredakteur könnte es, glauben viele, eher gleichgültig sein, wenn der ORF noch stärker auf Quote getrimmt wird. Lesen die gebildeten Leute halt doch wieder mehr Zeitung, wird vermutet. Nein, um solche Spekulationen geht es nicht. Wenn Sendungen nicht die Gosse touchieren, dürfen die Macher sogar an Quoten denken. Unsereins muss sich um Qualität in der gesamten Medienlandschaft kümmern, weil davon Informationsstand und Niveau des Publikums abhängig sind.

Zu beurteilen, ob wir eine durchgeschaltete "ZiB" brauchen, zu fragen, ob sich der ORF mit der einen oder anderen Unterhaltungssendung bereits am Rande der Legalität bewegt, ist wichtig. Aber beides steht nicht im Zentrum der Überlegungen eines Print-Journalisten, der sich um die gebotenen Inhalte und um die Pluralität der Auffassungen kümmern sollte.

"Schöner leben"-Derivate

Die Absicht, "Offen gesagt" oder "Pressestunde" ohne Politiker zu inszenieren, konnte offenbar nicht realisiert werden. Umso wichtiger, die Relevanz der Nachrichtensendungen zu steigern. Das geschieht sicher nicht, indem Korrespondenten wiederholen, was die Moderatoren vorher schon gesagt haben, das geschieht nicht, wenn Sendungen mit Stellungnahmen aller möglichen Couleurs überfrachtet werden.

Gleichzeitig geht es um die Motivation einer ambitionierten Crew. Die aber funktioniert nicht, wenn die eine Redakteurin einen Parteifunktionär als Lebensgefährten haben kann, die andere nicht. Das funktioniert nicht, wenn politische Magazine sowohl von Parteisekretariaten wie auch von Teilen der ORF-Führung für "Schöner leben"-Derivate gehalten werden. Das funktioniert nicht, wenn wie bisher die Parteien bei der Auswahl von Interviewpartnern mitreden.

Die eben begonnenen ORF-Schwerpunkte sind zu begrüßen. Brisanz und Qualität sind steigerbar. Nach wie vor aber gibt es Defizite.

Europäische Fragen beantworten

Das vielleicht wichtigste: mit neuen Ideen und Zugängen die europäischen Fragen zu beantworten. Nicht notwendigerweise durch ein neues Magazin (das ohnehin nicht geplant ist), sondern durch die selbstverständliche und konsequente Einbeziehung europäischer Aspekte in die Berichterstattung. Als die Nachbarn vor ihrer Beitrittspremiere standen, hat eine Sendereihe solches versucht. Man hat die Ambition nicht weiter verfolgt. Angeblich verräumt man die EU künftig wieder im Auslandsressort. Ein Rückschritt, der sich rächen würde. Der ORF sollte in Sachen Europa Avantgarde sein. Über das "Europastudio" hinaus.

Eines davon ist auch die Befassung mit Wissenschaft und Forschung. Wer im Ausland u. a. "Discovery"-Magazine sieht, wer auf der Schalt-Palette nicht nur Arte-, sondern auch Phoenix-Produktionen sieht, bemerkt die seit dem Abgang von Josef Broukal dramatisch gestiegene Vernachlässigung dieser Themen. Zeitungen können das nicht ersetzen.

Ein anderes wäre ein alltagsorientiertes Reality-TV. Lebensberatung, die den Zusehern (von Energie bis Mobilität) organisatorische und produktbezogene Hilfen bietet. Auch hier hinkt der ORF nach.

Zunächst einmal warten wir ab und lassen die "Dancing Stars" an uns vorbeischweben. Als eine Art zizerlweiser Opernball ohne Richard und Mausi Lugner. Aus ihnen hat schon ATV einen Fall für Chirurgen gemacht.

Die Konsumenten freilich werden diese Programm-"Revolution" auch unter anderen Gesichtspunkten sehen. Unter den digitalen. Wenn das analoge Signal in Vorarlberg bereits abgeschaltet ist, hat man im Burgenland noch nicht einmal die Chance, in die neue Ära zu schnuppern. Dort schneien viele Bildschirme immer noch. Winter trotz Klimawandels. (Gerfried Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 10./11.3.2007)

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