Job und Liebe im hohen Norden

15. März 2007, 17:08
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Die Begeisterung für Schweden war beim Gastsemester schon groß, aber auch beim Turnus überzeugten Jörg Schilcher viele Vorteile

Schon am Anfang seines Medizinstudiums hegte Jörg Schilcher große Sympathien für Schweden. Grund dafür war seine damalige Freundin, die er bei deren Gastsemester kennen gelernt hatte. Ein Jahr später verbrachte er ein Semester in Stockholm und war begeistert vom dortigen System. "Es gab keine Distanz zwischen Studenten und Professoren", meint Schilcher, "die Professoren sind zu den Studenten offen und unkonventionell in der Lehre. Ganz anders als in Österreich." Zurück in Wien, beendete Schilcher sein Studium, mit dem festen Vorsatz, den Turnus in Schweden zu absolvieren. Die Jobsuche und die Bewerbungen seien aufwändig gewesen: "Ich habe alles auf eigene Faust organisiert. Von den Internetseiten der Spitäler habe ich mir die Ansprechpartner herausgesucht und sie angeschrieben." Die Bemühungen zeitigten Erfolg: Schon nach einigen Wochen lagen die ersten vier Einladungen zu Vorstellungsgesprächen am Tisch.

Intenisivsprachkurs

Im März sei er nach Jönköping gefahren und dort von einem Komitee eine Stunde lange interviewt worden. Man schreckte auch vor sehr persönlichen Fragen nicht zurück: "Sie wollten wissen, wie meine Freundin diesen Schritt aufnehmen und was meine Familie dazu sagen würde." Das Anbot, an einer Klinik in der Provinz Smaland zu arbeiten, folgte sofort. "Ein Arzt war abgesprungen, so konnte ich quasi sofort beginnen." Vier Wochen später übersiedelte Schilcher in ein WG-Zimmer, das ihm vom Spital zur Verfügung gestellt wurde. "In den ersten drei Wochen habe ich einen Intensivsprachkurs absolviert", so der Oberösterreicher, "dann habe ich jeweils an zwei Tagen in der Klinik gearbeitet und dabei die Sprache vertiefend gelernt." Nach drei Monaten konnte er sich fließend verständigen. "Am ersten Tag hat mich eine Angestellte der Personalabteilung begleitet, ist mit mir zu den Behörden gefahren und hat sich um alle Formalitäten gekümmert."

Ordination in Österreich

Anschluss zu finden war kein Problem. "In Schweden ist man per du, es ist alles viel lockerer", auch seien die Hierarchien flacher und keine Barrieren zwischen Ober- und Turnusärzten vorhanden. Anders als hierzulande werden die Turnusärzte stark in die medizinische Arbeit eingebunden, gegen Ende der 18-monatigen Ausbildung durfte er kleinere Eingriffe schon völlig selbstständig vornehmen. Vor drei Wochen hat der Mediziner seine Facharztausbildung für Orthopädie begonnen. Das bedeutet für ihn weiter fünf Jahre im hohen Norden. Dann aber, meint er, werde es ihn doch wieder in die Heimat ziehen, weil man als Facharzt in Österreich dann doch besser leben könne. "Ich will gerne einmal meine eigene Ordination aufmachen, das geht in Österreich sicher leichter. Hier ist ja noch immer alles staatlich geregelt." (Judith Hecht, Der Standard, Printausgabe, 10./11.03.2007)
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