Über Geldmenschen und 'Gutmenschen'

7. September 2007, 11:44
67 Postings

Warum die Welt kalt und feindlich erlebt wird und 'Gut­menschen' im Job meist Opfer werden: Eine Frage der Macht(in)kompetenz

Vorab die Warnung und auch das Credo: Die als kalt und kriegerisch erlebte Gesellschaft lasse sich nicht am Arbeitsplatz verändern. Davor warnt Wirtschaftscoach Christine Bauer-Jelinek in ihrem neuen Buch Die geheimen Spielregeln der Macht und die Illusionen der Gutmenschen (Verlag ecowin 2007) vor allem Frauen. Denn: Sie gehörten zu einer besonders gefährdeten Spezies, eben zu den "Gutmenschen unserer Zeit". Dieser Spezies stehen im Layout des Buches die "Geldmenschen" gegenüber, also jene, die mit dem neoliberalen Wertekanon (marktwertorientiert und wettbewerbsfähig) kein Problem haben und ins Zentrum ihres Lebens das Ich stellen. Während die einen unter der Bühne der Selbstdarsteller und ihren Machtinsignien litten, sich im Job meist schwer täten, so hätten aber auch die anderen ihr Leid: Angst vor Status- und Jobverlust, Zerbrechen der Herzensbeziehungen bei voller Konzentration auf Leistungsbeziehungen und Dauerkampf, Einsamkeit.

Die moralische Keule als Fehler

Bauer-Jelinek deklariert ihre monochrome Zeichnung der "Menschenkategorien" als absichtlich, nicht aber ihre zugrunde liegende Anklage des "neoliberalen" Wirtschaftssystems. Und eben darin seien Gutmenschen "Machtamateure", die glaubten, mit alten Werten wie Ehrlichkeit und Offenheit erfolgreich sein zu können. Wer versuche, solcherart in Geldmenschen-Organisationen etwas zu bewegen, werde als "Fremdkörper" identifiziert und sang- und klanglos ausgeschieden. Gutmenschen schrieben dies dann fälschlicherweise unerklärlichen Umständen zu. Tatsächlich hätten sie aber permanent gegen die neuen Spielregeln der Macht verstoßen. Die gängigsten Fehler der Gutmenschen: die moralische Keule einzusetzen, wenig Scheu vor Gefühlsausbrüchen zu haben, Authentizität (verstanden als natürliches Sosein) im Job zu leben, Psychologisieren statt Smalltalk. So würden sie schnell als unberechenbar und labil eingestuft, seien leicht auszuhebeln und liefen im ständig stattfindenden verdeckten Kampf ins Messer.

Einsatz von Doppelbotschaften

Während Gutmenschen meinen, in Meetings durch Offenheit und Umsicht konstruktive Beiträge zu leisten, würden sie von den Geldmenschen als "Bedenkenträger" etikettiert. Da sie dem "Schwindel" der verschwundenen Hierarchien gerne aufsitzen, brechen Gutmenschen auch in dieser Beziehung ständig zu ihrem Nachteil Tabus, so Bauer-Jelinek. Sie haben sich eben die neuen Spielregeln der Macht im neoliberalen System nicht angeschaut, so die Autorin, denn was heute wieder zähle, sei die Fassade, der geschickte Einsatz von Doppelbotschaften, merkantiles Großbürgertum, gut inszeniert. Dazu lautes Geklappere und Selbstinszenierung. Erst wer durchschaut hätte, wie es läuft, könne diese Regeln ablehnen, ist Bauer-Jelinek überzeugt. Wie damit umzugehen sei, erklärt sie im Buch aber auch. Dadurch wird die Welt wohl nicht "besser". Dazu bedürfe es neuer politischer Macht, so lautet der Appell zum Schluss. (kbau, Der Standard, Printausgabe, 10./11.3.2007)
  • Sieht Machtkompetenz als "Erweiterung der Sozialkompetenz" und rät diese vor allem den "Gutmenschen": Wirtschafts-coach und Psychotherapeutin Christine Bauer-Jelinek
    foto: der standard/regine hendrich

    Sieht Machtkompetenz als "Erweiterung der Sozialkompetenz" und rät diese vor allem den "Gutmenschen": Wirtschafts-coach und Psychotherapeutin Christine Bauer-Jelinek

Share if you care.