Polioplan der WHO gescheitert

10. März 2007, 09:00
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Das Ziel des Vorhabens war ehrgeizig: Vor fast 20 Jahren startete ein Programm, um Polio bis zum Ende des Jahrtausends auszurotten, was nun?

London - Die Zielvorgabe wurde verfehlt, und auch die nächste Frist im Jahr 2005 ist ebenfalls verstrichen: Noch immer erkranken jedes Jahr 2.000 Menschen an der Virusinfektion, die meisten von ihnen Kinder.

Aufgeben oder weitermachen?

Bei einem WHO-Treffen stellten führende Experten nun eine ketzerische Frage: Sollte man das Ziel der Ausrottung nicht besser aufgeben und sich stattdessen darauf konzentrieren, die Krankheit lediglich einzudämmen? Viele Anwesende teilten zwar die Zweifel an der Kampagne, aber die Mehrheit hielt an dem Ziel fest.

"Viele Menschen fragen sich, warum wir so viel Zeit und Mühe auf Polio verwenden, wo es doch viel drängendere Probleme gibt", sagt Donald Henderson, der in den siebziger Jahren das WHO-Programm gegen Pocken leitete. Pocken sind bisher die einzige Krankheit, die tatsächlich ausgerottet wurde.

Polio um 99 Prozent abgenommen

Die Kampagne gegen Kinderlähmung hat zweifellos Erfolge gebracht: Seit dem Beginn im Jahr 1988 hat Polio um über 99 Prozent abgenommen. Aber seit fünf Jahren treten die Bemühungen auf der Stelle, die Zahl der Fälle bleibt konstant. Kritiker wenden ein, dass die Pocken damals innerhalb eines Jahrzehnts verschwanden, während der Polio-Feldzug nun schon seit 19 Jahren läuft. Und allein für den Zeitraum 2007-2008 kostet die Kampagne 575 Millionen Dollar (rund 440 Millionen Euro).

Aufgeben hieße fünf Milliarden in den Sand setzen

WHO-Generaldirektorin Margaret Chan beschwor die Teilnehmer des Treffens, nicht aufzugeben. "Wir stehen vor unserer besten und vielleicht letzten Chance, Polio auszurotten", betonte sie. Diese Aufgabe jetzt aufzugeben hieße, die bisher insgesamt investierten fünf Milliarden Dollar aufs Spiel zu setzen, da die Krankheit sich wieder ausbreiten könnte.

Betroffene Staaten wollen Kampf fortsetzten

Auch die vier hauptsächlich betroffenen Länder Afghanistan, Pakistan, Indien und Nigeria sind fest entschlossen, den Kampf fortzuführen. "Wir werden keine Anstrengung scheuen, Polio auszurotten", sagte der indische Gesundheitsminister Naresh Dayal, der dazu in diesem Jahr 286 Millionen Dollar (rund 218 Millionen Euro) einsetzen will. "So lange die Ausrottung möglich ist, sollten wir eine Eindämmungsstrategie nicht einmal erwägen."

Wir können nicht ewig so weitermachen!

Andere Mediziner zweifeln: "Wir können nicht ewig so weitermachen", sagt der Impfexperte Isao Arita. "Jeder wünscht, dass die WHO die Aufgabe schafft, aber irgendwo gibt es eine Grenze." Der Infektiologe Samuel Katz stimmt zu: "Es gibt eine fast schon religiöse Überzeugung, das jetzt durchzuziehen", sagt der Miterfinder der Masernimpfung. "Aber es gibt andere Sachen, die wir für das Wohl von Kindern tun können, als Milliarden Dollar für Frustration auszugeben."

Viele andere Probleme kommen zu kurz

Gerade in den von Polio betroffenen Ländern gibt es viele andere Probleme, darunter Atemwegs- und Durchfallerkrankungen, Malaria oder Aids. Manche Kritiker argumentieren dass eine Eindämmungsstrategie gegen Polio sich gar nicht so sehr vom jetzigen Vorgehen unterscheiden müsse. Sie würde aber Geld sparen, dass man für andere, sinnvollere Zwecke investieren könnte.

WHO besteht auf Ausrottung...

Aber die WHO besteht darauf, dass die Ausrottung der Krankheit möglich sei und lediglich logistische Hürden überwunden werden müssten. Die Herausforderungen sind in den einzelnen Ländern verschieden: In Nigeria erschweren ein schlechtes Gesundheitssystem und ein Impfboykott die Bemühungen. In Afghanistan und Pakistan schwappt die Krankheit über die Grenze hin und her, und in Indien sind viele Kinder mit anderen Viren infiziert, was den Effekt der Vakzine schwächt.

...und prüft neuen, teureren Impfstoff

Helfen könnte vielleicht ein neuer Impfstoff. Die Schluckimpfung ist zwar günstig und leicht zu verabreichen, hat aber einen Nachteil: Auf etwa 2,5 Millionen Anwendungen löst sie bei einem Menschen Polio aus. Die WHO prüft gerade in Studien einen teureren Impfstoff mit einem inaktivierten Virus, der zwar injiziert werden muss, aber keine Kinderlähmung auslösen kann. Resultate werden erst im kommenden Jahr erwartet. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Indonesische Kinder bei der Polio Schluckimpfung

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