Calvados und Apfelschnaps

6. September 2007, 13:51
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Kein sehr gleiches Brüderpaar: Das große französische Vorbild kommt leider mit den neuen Destillaten nicht mehr mit. Eine Betrachtung von Vene Maier

Wir haben es gemacht: „Faire le trou normand“. Das ist, wie es so schön heißt: Das normannische Loch machen. Dieses wiederum passiert, sagen die Franzosen, wenn man viel isst und zwischendurch – zur besseren Verdauung – einen Calvados trinkt. Das kann sehr hilfreich sein und den Magen schön aufräumen.

Aber leider kann man diesen Sinnspruch jetzt auch anders sehen. Fällt man nämlich in dieses Loch, schaut man gleich einmal auch etwas blöd aus der Wäsche. Das dann, wenn die Erwartung, die man in das alte Kulturgetränk Calvados aus Tradition heraus hat, so heftig enttäuscht wird, wie das bei unserer vergleichenden Verkostung der Fall war.

Wo ist der Charakter?

Leider. Schade. Man fragt sich: Warum schmecken all diese schönen bernsteinfarbenen Destillate in diesen Flaschen mit auf antik designten Etiketten so einheitlich gleich? So voll massengeschmackstauglich? So industriell und so weich und süßlich hergerichtet, als ob es dahinter was zu verbergen gäbe? Warum, liebe Produzenten in der schönen Normandie, haben diese Destillate keinen Charakter, der dem einen wie dem anderen eine gewisse Identität, eventuell sogar eine Individualität geben würde? Warum, ihr Brenner in Frankreich, unterliegt die Frucht dem Fass bis zur Unkenntlichkeit? Wo ist die Kraft, der Körper und die Fülle hin, die in den steirischen, oberösterreichischen und den fassgelagerten Apfelbränden aus anderen Regionen der Welt so klar und prägnant enthalten sind?

Schadet die Tradition?

Okay, wir wollen nicht weiter lamentieren. Aber schade ist es schon, dass der Calvados – und damit meine ich nicht nur einen, sondern mehr als ein Dutzend von verschiedenen Herstellern – im direkten Vergleich mit den braunen Apfelschnäpsen so fulminant untergeht. Neben einem einzelnen Apfelschnaps, der auch irgendwie beliebig daherkam, haben alle anderen – und das waren dann doch so rund zwei Dutzend – besser abgeschnitten als der bestbewertete Calvados.

Die einzige Erklärung, die sich für mich anbietet, ist die von der Tradition, die auch eine Belastung sein kann, weil Beliebigkeit und Bequemlichkeit auf diesem Boden auch sehr gut gedeihen.

Als Erkenntnis aus der vergleichenden Verkostung bleibt jedenfalls, dass man mit einem Apfelbrand, ausgebaut im kleinen Holzfass, viel mehr Freude hat und schönere Löcher machen kann, als es mit den normannischen Bränden der Fall ist. (Vene Maier)

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    foto: vene maier
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