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Bady Mincks "Elektrozelle" in Moskau steht vor der Kunstakademie an der Metrostation "Kropotkinskaya".
Bady Minck hat schon mehrmals "Elektrozellen" installiert: In Luxemburg etwa, in der Schweiz, Frankreich und im Jahr 2000 auch vor der Wiener Kunsthalle ("Elektrofrühstück"). Diese dienten als künstlerische Widerstandszellen, als Schutzraum und Informations- sowie Kommunikationsraum gegen autoritäre Systeme. Vor ihrer Abreise nach Moskau sprach Kerstin Kellermann mit der Künstlerin und Filmemacherin.
derStandard.at: Du reagierst mit der "Elektrozelle" auf beschränkte Meinungs- und Medienfreiheit in Russland und ermordete Journalisten? Siehst du Russland als "böses", totalitäres System?
Bady Minck: Ich sehe die Russinnen und Russen hochgebildet in Bezug auf Kultur, aber natürlich nicht mit einer umfassenden Rede- und Pressefreiheit ausgestattet. Im eigenen Land ist man sich über das Vorhandensein dieser Freiheiten gar nicht so hundertprozentig bewusst. In der Türkei, wo ich Ende der 90er Jahre unterrichtete und ausstellte, waren sich meine StudentInnen der Zensur in den Zeitungen gar nicht bewusst. Sie haben damals das Kurdenproblem negiert, während die kurdischen Flüchtlinge in Österreich und anderen europäischen Ländern Zuflucht suchten.
Nur eine Minderheit ist sich bewusst, dass die Presse, die über mehr Informationen verfügt und kritisch ist, zensuriert wird. In Österreich zensurierte sich die Presse bei der schwarz-blauen Wende im Jahr 2000 selbst. Von einem Tag auf den anderen schwenkte die Presse um und das war eine ungeheuerliche Selbstzensur. Ich denke auch in Moskau wird die Selbstzensur extrem stark sein. Wer will keinen besseren Job und würde sich dafür auch selbst zensurieren?
derStandard.at: Die "Elektrozelle Moskau" ist aber schon als politisch konzipierte Arbeit zu verstehen?
Minck: Ich sage natürlich nicht, dass es ein politisches Kunstwerk ist (lacht), sondern ein Kunstwerk für Rede-, Ausdrucks- und Meinungsfreiheit. Das ist doch was ganz anderes, oder? Es wird kein Thema vorgegeben. In der Zelle kann jeder schreiben, was er will. Solange ich in Moskau bin, werde ich außerhalb der Zelle Gespräche führen und zu diesem Zweck werde ich immer eine Übersetzerin dabei haben. Ich werde versuchen, den Menschen zu erklären, dass es darum geht, Informationen zu erhalten, die man über die Presse, die Agenturen und die öffentlichen Medien nicht erhält. Ich möchte vermitteln, dass die Elektrozelle ein inoffizielles Medium ist.
Ich weiß nicht, ob das Konzept aufgehen wird, ob es viel Fluktuation gibt oder ob die Elektrozelle auch wirklich immer online sein kann... Auf der Moskauer Biennale sind 80 KünstlerInnen aus 30 Ländern vertreten. Valie Export hat eine eigene Schau.
derStandard.at: Dieses Jahr kommt noch eine zweite Biennale auf dich zu: Die Biennale Venedig im Juni...
Minck: Ja, in Venedig werde ich mit "Free Radicals" in der Musikschiene der Biennale vertreten sein. "Free Radicals" ist ein Programm mit kurzen, älteren und neueren Avantgarde-Filmen und Musik. Es geht um das Thema visuelle Musik - gemeinsam mit dem Klangforum Wien wird ein Abend an der Schnittstelle von Film und moderner Musik (Schönberg, Cage und andere) entstehen.
derStandard.at: In deinem neuen Film "Das Sein und das Nichts" geht es auch um Musik...
Minck: Ja, er wird in Moskau außereuropäische Premiere haben. Dieser Film ist eine Verkörperung von Musik: Musik wird sichtbar, statt nur hörbar, weil die Körper der MusikerInnen im Film wie Noten eingesetzt werden. Mit den Postkartenreisen in meinem Film "Im Anfang war der Blick" hatte ich schon versucht Musik mit ihrem Rhythmus sichtbar zu machen. Der neue Film "Das Sein und das Nichts" geht da noch einen Schritt weiter.
Die Moskau-Biennale
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