Pilotengeplauder gegen Flugangst

22. März 2007, 19:59
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Flugpanik bringt den Airlines Umsatzeinbußen - Laut Experten muss die Reisebranche das Tabuthema nun ernst nehmen

"Hilfe! Hilfe! Wir werden alle sterben! Ich muss hier raus!" Die Mitvierzigerin war nicht zu beruhigen, und während alle anderen Passagiere brav angeschnallt auf das Ende des Steilfluges nach dem Start warteten, torkelte sie brüllend den Mittelgang entlang.

Für den Psychologen Sascha Thomas, der für die Lufthansa Seminare gegen Flugangst durchführt, war dies eine der eindrucksvollsten Demonstration von Flugangst, die er je miterlebt hat.

Panik

Viele Fluggäste, aber auch die Teilnehmer einer Diskussionsrunde auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin können eine solche Panikattacke durchaus nachvollziehen. Das Herz rast, der Mund wird so trocken, dass man eigentlich nicht einmal mehr um Hilfe schreien kann. Schweiß fließt über den völlig verspannten Rücken. Man schwört, nur noch Bahn zu fahren, wenn man bloß diesen Flug noch überlebt. 38 Prozent der Deutschen leiden einer Allensbach-Umfrage zufolge an Flugangst, die Dunkelziffer dürfte noch höher sein. In Österreich errechnete man sogar mehr als 60 Prozent.

Das ist für die Betroffenen schlimm genug, bringt einer ganzen Branche aber auch finanzielle Nachteile, über die niemand gerne spricht. Allein in den USA könnten jährlich Tickets für zwei Milliarden Euro verkauft werden, wenn man die Flugangst besser in den Griff bekäme, schätzen Experten des Flugzeugherstellers Boeing.

"Flugangst ist weit verbreitet, aber einfach kein Thema für die Reisebranche. Kaum ein Reisebüro nimmt solche Ängste ernst, zu wenige Fluglinien bieten Seminare", sagt auch Viktor W. Ziegler. Der Niederösterreicher litt früher selber darunter, entwickelte aber, als er 1979 Werbeleiter von Austrian Airlines war, Strategien gegen Fluggast, die Merian nun als Buch herausgab ("Das Erfolgsprogramm für entspanntes Fliegen"). Sein wichtigster Tipp: "Man soll zu seiner Angst stehen, und das gilt vor allem für Männer." Die geben sich ja gerne stark und versuchen Flugangst mit viel Alkohol an Bord wegzuspülen.

Sonore Stimme

Dass dem geholfen werden kann, der Angst zeigt, bestätigt AUA-Flugkapitän Andreas Wolfauer: "Die Flugbegleiter können den Betroffenen dann während des Fluges im Blick behalten und eingreifen, wenn es nötig ist." Oft reichen Kleinigkeiten wie ein beruhigender Satz. In seinen Schulungen für Piloten legt Wolfauer Wert auf stimmliche Ausbildung: "Wir müssen verstärkt darauf achten, dass Piloten Aufklärung leisten. Wenn mit sonorer, beruhigender Stimme erklärt wird, dass es wegen eines Gewitters Turbulenzen geben kann, dann hilft das vielen Leuten, weil sie das Gefühl haben: Der Pilot hat alles im Griff."

Wie belastend Ängste über den Wolken sein können, haben die Niederlande erkannt. Dort zahlt die Krankenkasse Seminare gegen Flugangst. (Birgit Baumann, DER STANDARD print, 9.3.2007)

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    Einige Fluglinien bieten Seminare gegen Flugangst. Wissensvermittlung über technische Vorgänge während des Fluges soll helfen, Entspannungsübungen auch

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