"Hoffen, dass nichts auffliegt"

10. April 2007, 11:15
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Matthias Kopetzky beschäftigt sich mit der Aufklärung von Wirtschaftsdelikten. Er meint, dass die viel früher auffliegen würden, "wenn nur wer hinschauen würde"

Standard: Sie haben vor Kurzem ein Buch über Wirtschaftskriminalität und Prävention geschrieben, erstellen Gerichtsgutachten. "Kriminalfälle wie die Bawag", sagen von Notenbankern abwärts viele, "kann man nicht verhindern." Wirklich nicht?

Kopetzky: Ich bin mit der Causa nicht befasst. Aber es stimmt, dass es die Wirtschaftskriminalität immer geben wird, der Punkt ist nur, wie lange es bis zu ihrer Entdeckung dauert. Die Kreditfälle der Bank Burgenland etwa kamen 1998 auf; hätte man in die Protokolle von Aufsichtsrat und interner Revision geschaut, wäre das Problem 1994 aufgekommen. Oder nehmen Sie die Causa Bawag her: Die Notenbank hat ja in ihrem Prüfbericht 2001 die Probleme erkannt, die Empfänger wollten’s nur nicht sehen.

Standard: Kontrollore und Aufsicht müssten also bloß genauer hinschauen?

Kopetzky: Nein, nur hinschauen. Bei der Bank Burgenland hat die interne Revision zuerst nüchterne Protokolle geschrieben, dann wurden die immer dramatischer, mit Leuchtstiften in allen Farben markiert und unterstrichen. Niemand hat reagiert. Irgendwann haben sich solche Leute mit ihren Hinweisen blutige Nasen geholt und geben auf.

Standard: Um wie viel früher könnte man die Leichen im Keller finden?

Kopetzky: Im Schnitt in der Hälfte der Zeit.

Standard: Warum wenden sich Mitwisser nicht an die Aufsichtsbehörden?

Kopetzky: Der Schritt nach außen ist eine Riesenhürde für sie. Zudem sind diese Leute oft mitverantwortlich, wenn nicht mitschuldig.

Standard: Gerade dann müssten sie doch die Notbremse ziehen – bevor sie womöglich Haftstrafen ausfassen.

Kopetzky: Mit dem Gericht rechnet man in Österreich nicht, bis jetzt landeten kaum Top-Manager vor dem Strafrichter.

Standard: Die Mitarbeiter der Bawag haben still gehalten. Warum hat sich dort nie Widerstand geregt?

Kopetzky: Vergessen Sie nicht: Es wäre darum gegangen, die Chefs der drittgrößten Bank mit Schimpf und Schande davonzujagen. Unternehmen mit autoritären Führungsstrukturen sind sowieso der ideale Nährboden für Wirtschaftsdelikte. Gegen Erfolg bildet sich kein Widerstand; das ändert sich oft erst, wenn das System zu kippen beginnt. Wenn der Vorstand das Problem ist, ist das speziell schwierig: Dafür müsste man die Kanäle zur Aufsicht weit öffnen. Ich meine ja, dass unsere Aufsicht noch viel mehr Selbstständigkeit und Durchgriff braucht. Das ist nicht die Aufsicht, vor der alle zittern. Zumal die österreichische Bankenlandschaft sehr dominante Persönlichkeiten hat.

Standard: Wie muss ein Unternehmen strukturiert sein, damit Mitarbeiter Unregelmäßigkeiten melden?

Kopetzky: Sie müssen genau wissen, was erlaubt ist und was nicht. Es braucht einen klaren Verhaltenskodex statt schlampigen Verhältnissen. Und die Mitarbeiter brauchen Kommunikations-Hotlines, Ansprechpartner außerhalb des Vorstands.

Standard: Bis vor Kurzem wurden Wirtschaftsdelikte in Österreich als Kavaliersdelikte angesehen. Man hat das unter der Decke geregelt, per außergerichtlichen Tatausgleich. Das Klima ändert sich, oder?

Kopetzky: Ja, auch wegen des Drucks von der Börse. Früher wurden Generaldirektoren, die Linke gedreht haben, in Pension geschickt. Das große Problem in Österreich ist, dass man sich im Ernstfall duckt und hofft, dass nichts auffliegt. Das Entdecken von Wirtschaftsverbrechen wird als Versagen interpretiert, dabei ist das Gegenteil richtig: Unternehmen, in denen Kriminalfälle ans Tageslicht kommen können, haben gute Strukturen.

Standard: Oft spielen die Wirtschaftsprüfer mit. Was tun?

Kopetzky: Das Problem ist, dass der Geprüfte der Auftraggeber ist, dass Wirtschaftsprüfer da und dort helfen, etwas wegzuräumen, und so rutschen sie langsam hinein. Am besten wäre die externe Rotation. Aber die will niemand, weil es so schwierig ist, ein Mandat zu bekommen – und noch schieriger, es wieder herzugeben. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.9.2007)

ZUR PERSON: Betriebswirt Matthias Kopetzky (43) beschäftigt sich als Sachverständiger mit Wirtschaftsdelikten (wie Bank Burgenland, Regina Küchen, Imperial-Cordial). Zudem berät er in Fragen der Prävention.
  • Matthias Kopetzky sieht einen Klimawechsel in Sachen Wirtschaftsdelikte in Österreich.
    foto: standard/hendrich

    Matthias Kopetzky sieht einen Klimawechsel in Sachen Wirtschaftsdelikte in Österreich.

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