Monochromie und Kampfkunst

8. März 2007, 19:22
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"Yves Klein. Die blaue Revolution": Hinter hinlänglich Bekanntem entwickelt sich im Mumok ein faszinieren­des Universum eines der wichtigsten Vertreter der Avantgarde

Wien – Die Welt hat Yves Klein auf das Klischee des "Blaus" abonniert. Wer sich dem Künstler wirklich nähert, tritt ein in einen rätselhaften Ideenkosmos. Möglichkeit dazu, bietet das Mumok unter dem – neuerlich die Farbe zitierenden – Titel Die blaue Revolution.

"Die Tatsache, dass ich als Maler existiere, wird die hervorragendste malerische Arbeit dieser Zeit sein", sagte Yves Klein selbstbewusst. Und weiter: Der Maler solle als "Generator ständiger Strahlung" die Atmosphäre mit seiner "gesamten malerischen Präsenz durchtränken". Im Zentrum von Kleins Kunst steht er selbst. Die Inszenierung des Autodidakten aus Nizza ist darum auch perfekt. Stets korrekt gekleidet und von Fotografen wie Harry Shunk virtuos aufs Lichtbild gebannt, trennt er nicht zwischen Kunst und Privat.

Ein sympathischer Freak scheint er gewesen zu sein, der schon mal nach Irland reiste, um Reiten zu lernen, denn er wollte zu Pferd nach Japan gelangen. Letztendlich ist er mit dem Schiff gefahren und mit dem vierten Dan des Kokodan zurückgekehrt. Seine Judo-Fertigkeiten ("Judo ist Kunst") gehören für ihn ebenso zum Oeuvre wie die Hochzeit mit Günter Ueckers Schwester Rotraut, 1962: Im Herzen von Paris inszeniert er eine "königliche Hochzeit" samt Rittern des Ordens St. Sebastién, die er wie eine Performance dokumentierte und probte. Nur logisch, wenn – obgleich als Einstieg spröde – die in Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou entstandene Schau bei der Figur Kleins beginnt. Die beachtliche Vielfalt an Dokumentationsmaterialien ist aber ebenso positiv zu bemerken wie der große Stellenwert, der Kleins Kunst abseits von monochromer Malerei in "Internationalem Klein Blau" und den "Frauen als Pinsel"-Anthropometrien eingeräumt wird.

Dekoratives Missverständnis

Zur ultramarinblauen Farbe, die er sich als Akt der Aneignung als "IKB International Klein Blue" patentieren ließ, ohne jemals daran zu glauben, daraus finanziellen Profit zu schlagen, kam er über den Umweg von gelben, grünen, roten monochromen Bildern. Blau war die Antwort auf dieses "dekorative Missverständnis", denn "Blau existiert jenseits jeglicher Dimension". Die Farbe Blau, später auch Gold und Rosa, war für ihn der Inbegriff der Immaterialität und auch "materialisierte Sensibilität" – überhaupt das Hauptthema seines Schaffens.

Mit dieser Sensibilität überzog er Gegenstände oder schickte 1001 IKB- Ballons, als vom Sockel befreite Skulpturen, gen Himmel. Eine "aerostatische Skulptur", die das Mumok im Mai als Kreuzung zwischen Charity-Event und Marketing-Gag mit Kindern wiederholt. – Auch ein ursprüngliches Abfallprodukt seiner Arbeit, seine Malschwämme, waren derart mit Sensibilität durchtränkt, dass sie fortan als eigene Kunstwerke recycelt wurden.

Oder er arbeitete gleich ganz ohne Material: "Die Leere" hieß 1958 eine Ausstellung in Paris, die einzig vom Künstler weiß gestrichene Wände und die Aura seines 48-stündigen Aufenthalts enthielt. Aber Klein zweifelte: "Vielleicht hätte ich gar nicht kommen sollen? Vielleicht hätte mein Name nicht mal im Katalog stehen sollen?"

Dann wurde das Feuer sein Werkzeug, um im Wegnehmen von Material, im Zerstören von Oberflächen mit der Flamme faszinierend schöne malerische Oberflächen zu gestalten. Oder er arbeitete mit strömender Luft, die er wie Baumaterial einsetzte und futuristische Alternativen zu gewöhnlichen Dächern entwickelte. Drumherum entwarf er ein modernes Arkadien, bevölkert mit weiblichen Nackedeien und dem Ideal einer neuen Form von Intimität, losgelöst von patriarchalischen Lebensmodellen.

Wie seine entrückte und von menschlichen Unzulänglichkeiten befreite Arbeit mit Körper und Farbe von den Wiener Aktionisten – allen voran Rudolf Schwarzkogler – aufgegriffen wurde, zeigt das Mumok auch: Allerdings geht es bei den Wienern diabolischer, erdiger und blutiger zu. Seine Rezeption hat der ständig Getriebene Klein nicht mehr erlebt: Er starb 1962 an einem Herzinfarkt - mit 34 Jahren bereits seinem dritten. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 09.03.2007)

Mumok
Bis 3. Juni
  • Das Malerische im Akt der Zerstörung: Licht, das von der Oberfläche zu rinnen scheint, produzierte Yves Klein mit Flammenwerfern auf Papier: "Feuerbild ohne Titel".
    foto: vbk, wien

    Das Malerische im Akt der Zerstörung: Licht, das von der Oberfläche zu rinnen scheint, produzierte Yves Klein mit Flammenwerfern auf Papier: "Feuerbild ohne Titel".

  • Yves Klein hinter einer Mauer aus Feuer in Krefeld, 1961
    foto: pierreboulat/cosmos

    Yves Klein hinter einer Mauer aus Feuer in Krefeld, 1961

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