Graz: Zwischen Banlieue und der Parole der Wildente

16. März 2007, 14:37
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Drei Tage verschiedenste Lyrik im Literaturhaus

Graz – Lyrik sei zwar kein Bestseller, weiß der Leiter des Grazer Literaturhauses, Gerhard Melzer, "aber sie zwingt einen, Sprache sorgsam wahrzunehmen". So feiert man diese "literarische Kernkompetenz" heuer bereits zum vierten Mal mit dem Festival 3 Tage Lyrik.

Vor Beginn des Lesereigens, der am Freitag unter andere mit Elfriede Gerstl und Marcus Poettler zu Ende geht, gab es am Dienstagabend Musik zur Einstimmung: Willi Resetarits hat Sängerin und Pianistin Sabina Hank dazu gebracht, Gedichte von Jura Soyfer zu vertonen – Revolutionäres über die Suche nach einer neuen Zeit, die für Soyfer bekanntlich von den Nazis brutal beendet wurde. Mit den großteils an der Zensur vorbei- geschriebenen Versen über Wandersburschen oder Brüderleins (Synonyme für Genossen) entstand das hörenswerte Programm "Abendlieder".

Am Mittwoch präsentierte dann Literatin und Moderatorin Silke Scheuermann die ersten fünf Autoren und ihre ganz eigenen Sprachen. Die Berlinerin Brigitte Oleschinski trug ihre Texte aus dem Band "Geisterströmung" (DuMont) frei vor und gab so eine eindringliche Performance, die an Anselm Glück erinnerte. Weniger eindringlich, aber skurril klingen die Vierzeiler von Suhrkamp-Autor Oswald Egger, der "eisern" ein Jahr lang täglich zehn dieser kurzen Einheiten verfasste.

Der junge Grazer Stefan Schmitzer favorisiert die Langform: Seine Gedichte aus dem eben bei Droschl erschienen Band "moonlight on clichy" erzählen atemlos von "seiner" Generation, die in Paris Autos anzündet, aber doch nicht "seine" ist – kommt er doch nicht aus dem Plattenbau. Nicht in der Banlieue, sondern im Schilf sucht der 71-jährige Schwede, Bengt Emil Johnson, seine Lebensphilosophien, denen er zwischen "Parolen der Wildente" und "Grünspechtgelächter" auflauert – Johnson ist auch Ornithologe.

"Unangenehm ist's, ins Wort zu gehen – statt ins Wirtshaus", weiß Robert Schindel – und tut auch Zweiteres glücklicherweise immer wieder. Er las aus seiner 2005 bei Suhrkamp erschienen "Wundwurzel" sowie unveröffentlichte Gedichte – etwa von neuen, unerkannten und geliebten Barbareien, die hoffentlich bald gedruckt vorliegen. (Colette M. Schmidt / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.3.2007)

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