"Ich bin dort Bürgerin, wo ich gerade bin"

12. März 2007, 10:46
131 Postings

Nahide Kohlhofer wurde in den Siebziger Jahren von der Schwarzmeerküste nach Österreich verheiratet - Heute lebt sie mit ihrem dritten Mann in Wien

Auf der Leinwand. Eine ganz normale Wohnung. Die Kamera fährt, wackelig, geführt von Amateurhand. Ledersofa, Deckchen am Tisch, die Vorhänge schon ein bisschen in die Jahre gekommen. Fast unbewohnt wirkt das Zimmer, nichts liegt herum, aufgeräumt, um präsentiert zu werden. "Ein kleiner Eindruck davon, wie ich lebe", erklärt Nahide Kohlhofer. Etwas unsicher steht sie vor der Leinwand, auf der sich Privates vor zig Fremden ausbreitet. Fast wirkt es, als würde sie es bereuen, hier zu sein. Sie habe sich "überreden" lassen ihre Lebensgeschichte in den Mittelpunkt der "Kitchen Storys" zu stellen, einer interaktiven Cooking-Show mit biografischen Erzählungen türkischer MigrantInnen.

Historischer Geburtsort

Und dann erzählt sie doch. Von dem Ort in dem sie aufgewachsen ist und an den sie mit Wehmut zurückdenkt. Mit 17, vor mehr als 25 Jahren, hat sie Samsun verlassen müssen. In die Geschichte ging der Ort am Schwarzen Meer als der Punkt ein, von dem aus Staatsgründer Atatürk am 19. Mai 1919 zum Befreiungskampf gegen die Besetzung und Teilung des Landes nach dem Ersten Weltkrieg aufrief. Für Nahide wird er immer der Ort bleiben, an dem sie gemeinsam mit ihrer Großmutter als Hebamme gearbeitet hatte, sich zur Schneiderin ausbilden ließ und sich zum ersten Mal so richtig verliebte.

Ihrem Vater galt sie als schwierige Tochter, eigensinnig, unbeeinflussbar. Nicht zuletzt deswegen entschied er, seine rebellische Älteste so schnell wie möglich zu verheiraten. An einen Landsmann, der in den 70ern dem Ruf der österreichischen Wirtschaft als Gastarbeiter gefolgt ist. Nahide möchte über die Jahre ihrer ersten Ehe lieber nicht reden. Nur soviel: "Es war eine Zwangsehe und nach vier Jahren war sie vorbei." Die beiden Kinder hat sie mitgenommen.

Traumatische Scheidung

Die Zeit nach der Scheidung war für die kleine Familie "die Hölle", aber die freiheitsliebende Nahide traf zumindest wieder ihre eigenen Entscheidungen, konnte das Gefühl abschütteln "in einer Festung" zu leben. "Wenn man sich in einer konservativen türkischen Familie scheiden lässt, muss man schon genau überlegen, wie man das anstellt", spricht Nahide aus Erfahrung und Stolz schwingt in ihrer Stimme mit. Ihr habe die Familie ihres ersten Mannes keine Schuld zuschieben können: "Ich bin ein guter Mensch, war immer für meine Kinder da und habe die Weltreligionen studiert." Mittlerweile hat sie mit der Familie des Ex-Mannes eine gute Beziehung, ist selbst wieder verheiratet, zum dritten Mal. Ein langer Weg bis dorthin.

Die konservative Tradition der Zwangsverheiratung verurteilt sie bis heute auf das Schärfste. Und immer noch würden wenige der unerwünschten Partnerschaften gelöst.

Grenzenlos

Ohne ihre Ausbildungen hätte die "Dame", wie sie sich selbst auch bezeichnet, wohl damals diesen Schritt nicht gewagt. Sie fand eine Stelle in einer Kleiderfabrik, arbeitet später in einer Supermarktfiliale, die sie schon bald leitete. Nahide, die immer das ehrgeizige Mädchen von damals geblieben ist, verfasst ihre eigenen Gedichte und hat ein Buch geschrieben. In Türkisch, vielleicht wird sie es bald ins Deutsche übersetzen. Als Ausländerin hat sie sich in Österreich nie gefühlt. "Grenzen bedeuten für mich allerdings nicht viel. Ich bin dort Bürgerin, wo ich gerade bin." Auch als Türkin hat sich die zur Ethnie der Lasen gehörende Frau mit adeligen Wurzeln nie gefühlt. Dass in der EU die Grenzen mehr und mehr abgeschottet werden, versteht sie bis zu einem gewissen Grad. "Ich vergleiche das mit einer Schüssel mit Speisen. Die würde ich auch zuerst mit meinen Hausgenossen teilen und dann erst mit Fremden."

Dritte Ehe

Nahide glaubt nicht an das Schicksal. Wenn man ein Ziel erreichen möchte, meint sie, dann erreicht man es auch. Sie ist stolz auf das, was sie selbst aus ihren Möglichkeiten gemacht hat. Ihre Beziehung ist gut, sie arbeitet in einer Kanzlei für Unternehmensberatung, verfasst ihre "Schriften", ist mittlerweile Großmutter. Mit der "heutigen Politik" kann sie nichts anfangen, über Plakate wie "Daham statt Islam" nur den Kopf schütteln. Für Nahide ist eben "daham" dort, wo ihre Familie ist, egal in welchem Land. Die Bilder aus dem ganz normalen Wohnzimmer sieht man nicht mehr. Verlegen betrachtet Nahide ihre Schuhspitzen. Fast wirkt es, als würde sie es bereuen, hier zu sein. (Manuela Honsig-Erlenburg/derStandard.at, 10.3.2007)

"migration mondays: KITCHEN STORIES" ist ein "soziotheatrales" Projekt der Fleischerei, bei dem MigrantInnen und BesucherInnen unterschiedlicher Herkünfte diskutieren, musizieren, Theater machen und gemeinsam essen. Eine Komponente dabei sind die biografischen Erzählungen türkischer MigrantInnen. Moderatorin und Künstlerin Nuray Ammicht bringt sich als Sängerin und Akteurin ins Spiel und bezieht das Publikum aktiv mit ein. Theatrale Fragmente aus dem Buch "Istanbul" von Orhan Pamuk werden vorgetragen und fließen an thematisch markanten Stellen in die "Cooking Shows" ein. Jeden Montag bis 16. April, ab 19 Uhr.
  • Nahide Kohlhofer: "Grenzen bedeuten für mich allerdings nicht viel. Ich bin dort Bürgerin, wo ich gerade bin."
    foto: privat

    Nahide Kohlhofer: "Grenzen bedeuten für mich allerdings nicht viel. Ich bin dort Bürgerin, wo ich gerade bin."

Share if you care.