Buergel will ein Drittel alte Kunst zeigen

8. März 2007, 14:57
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Noch 100 Tage bis zur Eröffnung - Ministerpräsident: "Da wird Geschichte gemacht"

Kassel - Documenta-Chef Roger Buergel will auf der weltweit größten Ausstellung moderner Kunst erstmals auch viel alte Kunst zeigen. "Ich präferiere eine Ein-Drittel/Zwei-Drittel-Lösung", sagte der Macher der alle fünf Jahre stattfindenden "Weltkunstausstellung" 100 Tage vor Beginn der "documenta 12" in Kassel. Das älteste Stück stamme aus dem 14. Jahrhundert. "Zeitgenössische Kunst kapiert man nur, wenn man weiß, wo sie herkommt. Dann hat man auch eine Ahnung davon, wo sie hingeht." Er wolle nichts Museales zeigen. "Aber Kunst, die älteren Datums ist, ist manchmal unendlich viel aktueller als 90 Prozent dessen, was heute in den Ateliers entsteht."

Die Präsentation älterer Kunst ist laut Buergel Teil des Bildungsanspruchs der documenta. "Wir wollen das Publikum teilhaben lassen an der Entstehung, an der Entwicklung von Formen. Aber wir wollen nicht erklären, erklären, erklären, sondern zeigen." Die Exponate würden für sich sprechen. "An dem Stück aus dem 14. Jahrhundert sieht man, wie sich persische Künstler eine chinesische Formengrammatik zu Eigen gemacht haben. Das sagt faszinierend viel aus über die Entwicklung der Kunst."

"Was dazwischen ist"

Buergel, der gerade aus Russland zurückgekehrt ist, will mit der "documenta 12" auch "versäumte Kunst" zeigen. "Die Ostmoderne ist bei uns kaum gewürdigt worden. Die Afrikanische Moderne hat in der Welt nicht den Platz, der ihr gebührt. Das wollen wir ändern." Auch aus Asien sei eher wenig bekannt: "Jeder kennt die alten Tonkrieger aus China und die angebliche moderne Kunst, diese grässliche Chinamode. Aber was dazwischen ist, wurde und wird kaum wahrgenommen." Aufgabe der documenta sei es, "hier etwas gerade zu rücken".

Zur "documenta 12" vom 16. Juni bis zum 23. September werden in Kassel mehr als 650 000 Besucher erwartet. Abgesehen von wenigen bereits bekannten Namen sollen die teilnehmenden Künstler erst eine Woche vor Ausstellungsstart bekannt gegeben werden.

Kasseler Weltereignis

Wenn Roland Koch von der Kasseler documenta erzählt, wird der sonst so kontrollierte Ministerpräsident Hessens fast euphorisch. "Da wird Geschichte gemacht und da dabei sein zu können, fasziniert mich alle fünf Jahre aufs Neue", sagt der CDU- Politiker über die weltweit größte Schau moderner Kunst. In 100 Tagen beginnt die 100-Tage-Ausstellung (16. Juni bis 23. September). Die Vorbereitungen zur "d12" laufen auf Hochtouren, für Kassel ist die zwölfte "Weltkunstausstellung" ein Großereignis - und doch gibt es neben Euphorie auch Skepsis.

Klagen über den neuen Ausstellungsbau in der Karlsaue, einem Park in der Innenstadt, sind seit Monaten zu hören. Ein prominenter Teil des Parks ist derzeit Baustelle für den "Kristallpalast". In dem an ein Gewächshaus erinnernden Bau will documenta-Macher Roger Buergel drei Viertel der Kunstwerke ausstellen. Im September soll das eingeschossige Gebäude, für das gerade die Wände angeliefert werden, komplett wieder abgerissen werden. Verschwendung in einer Stadt mit einer der höchsten Sozialhilfequoten in Deutschland, sagen Kritiker. Denkmalschützer sind besorgt über den Zustand des barocken Gartens. Die Kritik eines Leserbriefschreibers, er könne jetzt in der Karlsaue für 100 Tage kein Boule spielen, steht dahinter eher zurück.

"Kassel wird, fürchte ich manchmal, noch 100 Jahre brauchen, bis es die Ausstellung zu schätzen weiß", sagt die Kasseler Künstlerin Doris Gutermuth. Sie beklagt eine "Kasseler Legasthenie" und hat ein Plakat entworfen, in dem sich das Wort "Weltmarke" künstlerisch in "Wertmakel" verwandelt. Auch Walter Lohmeier von der Industrie- und Handelskammer wünscht sich "mehr Bewusstsein" bei Unternehmen in der Region: "Die documenta ist ein Riesenvorteil im Standortmarketing. Damit kann man Kunden und auch potenzielle Mitarbeiter beeindrucken." Doch kaum jemand werbe damit, "aus der Welthauptstadt der modernen Kunst zu kommen".

"Nicht wie ein Ufo<>

Das gelte auch für die Hoteliers, dabei profitieren vor allem sie von der Ausstellung. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr kamen gut 380 000 Besucher nach Kassel - ein Rekord außerhalb eines documenta- Jahres, wie Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) jubelte. Zur letzten documenta vor fünf Jahren kamen jedoch allein während der drei Ausstellungsmonate fast doppelt so viele Besucher in die Stadt. Mehr als ein Viertel kam aus dem Ausland. Der typische documenta- Besucher war Akademiker, Großstädter und blieb nur für ein, zwei Nächte - war aber auch bereit, entsprechend mehr dafür auszugeben. Ein erheblicher Wirtschaftsfaktor in einer Stadt, in der jeder siebte arbeitslos ist.

documenta-Chef Buergel sieht die Diskussion um seinen "Kristallpalast" und die Beteiligung Kasseler Künstler, die Vermarktung oder Vernachlässigung der documenta gelassen. "Eine Ausstellung kann nicht wie ein Ufo völlig bezugslos irgendwo landen. Wir sind schon eng mit Kassel verbunden." Sein Konzept wolle er aber dennoch notfalls auch gegen Widerstände weiterverfolgen. "Kassel ist auf Basalt gebaut, da bewegt sich nichts. Aber das ist auch gut so. Eine gewisse Widerständigkeit ist das Salz in der Suppe der modernen Kunst." (APA/dpa)

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