Der Weg ins Graue(n)

11. März 2007, 17:00
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Die Tabuthemen Alter und Armut bedeuten besonders für Frauen oft eine Sackgasse ins gesellschaftliche Abseits

Das Thema "Alter" verschwindet in der nicht öffentlich gezeigten Industrie der Alten- und Pflegewirtschaft bzw. der nicht öffentlich gezeigten privaten Betreuung und Pflege von Hochbetagten. Obwohl Frauen, je älter sie werden, zahlenmäßig die Männer überholen (65 Prozent der über 80-Jährigen sind weiblich), wird ihre soziale Stellung mit zunehmendem Alter nur noch schwieriger. Sie verlieren an oder bleiben weiterhin ohne politische oder finanzielle Macht. Frauen über sechzig Jahre stehen mit wenigen Ausnahmen am Rande der Gesellschaft, da eine konsumorientierte Leistungsgesellschaft sie nicht mehr über sexuelle Funktionen oder Kinderproduktion einbinden will und kann. Die Benachteiligung durch die immer noch wirksamen traditionellen Geschlechterrollen weist älteren Damen einen Platz zu Hause - "am warmen Ofen", wie es früher hieß - zu. Kinder und Ehegatte sind ausgeflogen, die Frau bleibt allein zurück. Alt, vielleicht pflegebedürftig und zusätzlich mit einem gewissen Mangel an finanziellen Mitteln belastet.

In der aktuellen öffentlichen Debatte zu den Problemen in der Pflege bricht diese Diskriminierung mehrfach auf: Die aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängten alten Frauen existieren! Politiker, Ärzte und Ärztinnen äußern ihre wertvolle Meinung, doch keine der Betroffenen kommt zu Wort. Die Pflegerinnen ohne legalen Aufenthalt äußern sich lieber nicht, die Damen, die sie dringend brauchen, werden nicht gefragt.

Tabuthema Armut

Ein weiteres gesellschaftliches Tabuthema spielt in diesem Zusammenhang ebenfalls eine große Rolle: die Armut. Immer mehr Staaten haben sich von der Idee des Wohlfahrtsstaates verabschiedet. Es entsteht, zumindest in der Werbung, gerade ein neues Bild von Frauen um die 40 oder 50 Jahre, die selbst privat für ihre Pension vorsorgen. Diese Aufwertung weiblicher finanzieller Eigenständigkeit steht in deutlichem Zusammenhang mit der Abkehr vom Sozialstaat. In der Debatte durch die zuständigen Minister und die Ländervertreter wird auch nicht klar, wie das defizitäre Verhältnis von Frauen, Alter und Armut, außerhalb von privilegierten Gruppen, in ein positives umzuwandeln wäre.

Die Alte als "Loser"

Altern bedeutet in der westlichen Welt häufig Entfremdung und Entmenschlichung des Subjekts, es kann aber auch als Entfaltung und Befreiung erlebt werden. Die Vorstellung vom Alter als Reife oder Last ist geschlechterdifferenziert. In der Literatur vergangener Jahrhunderte wurde gerne dem "reifen, älteren Herrn" das "alte, lüsterne Weib" gegenüber gestellt. Schon Simone de Beauvoir erstellte eine Analyse der Selbstentfremdung im Alter, die in besonderem Maße für Frauen gelte und die schließlich zu der Einnahme einer Außenperspektive auf das eigene Selbst führe.

Die Angst vor dem Alter ist fest verankert, eine zwiespältige Haltung angesichts seiner Universalität. Körper werden mit dem Etikett "alt" versehen, durch den Alterungsprozess wird der Körper zugleich deutlich spürbar und kulturell unsichtbar. Hinter diesem Label steht eine komplexe soziokulturelle Praxis, die über das Grau der Haare und die Faltenbildung der Haut Menschen "alt" macht. Jede Falte, jedes graue Haar gilt als Niederlage, im Sinne vom Verlieren einer Schlacht. Die Alte ist ein "Loser" per se – zumindest in unserer Gesellschaft. Vor allem frau wird alt gemacht. Diese Form der Konstruktion von Seniorität als Niederlage hat die letztendliche Integration in die bestehende symbolische Ordnung zum Ziel. Richtung und Zurichtung sind hier eng miteinander verbunden. Die realen Alten verschwinden hinter ihrer gesellschaftlichen Repräsentation. Mit Hilfe der Statistik wird der Panikmache vor der "Überalterung" der Gesellschaft Vorschub geleistet. Der Weg ins Graue wird auf diese Weise zu einem Weg ins Grauen.

Das Gespenst der Medien

Erkundigungen nach dem Alter markieren Gefährdungen der persönlichen Identität, der sozialen Rolle – jede kennt die gewisse Verletztheit im Blick einer Frau, die nach ihrem Alter gefragt wird. Persönliche Panikattacken begleiten Frauen, wenn der 40., 50. oder 60. Geburtstag als "Stunde der Wahrheit" internalisiert wird. Es kommt zu mathematischen Verdichtungen verletzter Vorstellungen von lebenswerten Leben. Alter gilt als unentrinnbare Gefährdung.

Diese Form des Erlebens von Alter ist aber gesellschaftlich konstruiert und quasi erwünscht. In der Pflegedebatte schwingen alle diese untergründigen Vorstellungen mit: Krankenhaus, Altersheim, ausländische Frauen pflegen ältere Frauen ... Eine große Gruppe von Menschen wird außerhalb des öffentlichen Lebens, der "funktionierenden" Gesellschaft platziert und erscheint nun wie ein Gespenst in den Medien. Wie teuer darf die Pflege einer alten Frau sein, wie viel darf sie die Gesellschaft kosten? Sogar die Illegalisierung von Zehntausenden von migrantischen Pflegerinnen wurde stillschweigend akzeptiert, um die Kosten zu privatisieren und zu senken.

Frauen nach der Menopause werden in ihrem Selbstwertgefühl und in ihrer sozialen Kompetenz gemindert. Dieses gesellschaftliche Modell marginalisiert ältere Frauen nicht allein durch aufoktroyierte Lebensentwürfe, es verwehrt ihnen überdies die Teilnahme am öffentlichen Leben, die geheime Gewalt hinter diesem Modell wird tabuisiert.

Schon 1860 fand in England das Thema verarmter und "überflüssiger" älterer Frauen Eingang in die Literatur, nach dem Ersten Weltkrieg gewann es wieder an Aktualität. Agatha Christie fand sich nach ihrer Scheidung damit konfrontiert und kreierte die Miss Marple als ein positives Gegenbild der "alten Jungfer". (Kerstin Kellermann)

In den nächsten Teilen folgen positive Gegenbilder.

Buchtipp: Heike Hartung (Hg.). "Alter und Geschlecht. Repräsentationen, Geschichten und Theorien des Alter(n)s". transcript. Gender Studies. 27,60 Euro. ISBN 978-3-89942-349-5.
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    Die Alte ist ein "Loser" per se – zumindest in unserer Gesellschaft.
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