Französischer Wahlkampf tobt auch im Internet

20. März 2007, 15:32
posten

Mobilisierung der Anhänger und Destabilisierung der Gegner

Das Internet spielt erstmals eine vorrangige Rolle beim Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich. In einer jüngsten Umfrage des Instituts Novartis/Harris Interactive erklärten 24 Prozent der Internet-Surfer, dass sie sich bei ihrer Stimmabgabe von Web beeinflussen lassen könnten. Alle Präsidentschaftskandidaten verfügen über eine eigene Webseite, dazu kommen Dutzende Blogs und Webseiten von Sympathisanten und Unterstützern.

Einfluss

Bei der letzten Präsidentenwahl 2002 hatte das Web noch so gut wie keine Rolle im aktiven Wahlkampf gespielt. Erstmals war das Internet als Massenmedium im Wahlkampf zum Referendum über die EU-Verfassung vom Mai 2005 in Erscheinung getreten. Damals hatten sich die Politiker von den Bürgerinitiativen für das Nein überraschen lassen, die via Internet mobil gemacht und letztendlich den Sieg davongetragen hatten.

Nach Angaben des Wahlkampfkomitees des Innenministers und UMP-Chef Nicolas Sarkozy wurden insgesamt 900 Blogs von Anhängern des konservativen Kandidaten gezählt. Auf seiner offiziellen Webseite bietet die Mannschaft des Kandidaten sogar einen eigenen Fernsehsender "NS TV" mit Reportagen über Sarkozy und Interviews seiner Anhänger und Mitarbeiter an.

Gegnerin

Die sozialistische Kandidatin Segolene Royal hat ihr Programm auf einer öffentlichen Debatte aufgebaut und zu dem Zweck ihre Webseite eingesetzt. "Ohne Desirs d'avenir ("Wünsche der Zukunft", Anm.) und zahlreicher dezentralisierte Webseiten wäre Segolene Royal wahrscheinlich nicht zur Kanditatin der PS geworden", betonte Thierry Crouzet, Autor des Buches "Le Cinquieme pouvoir, comme internet bouleverse la politique" (Die fünfte Macht. Wie Internet die Politik erschüttert. Edition Bourin).

Koordination

"Internet spielt eine sehr wichtige Rolle zur Koordination des Wahlkampfs der Kandidaten", erklärte Thierry Vedel vom politischen Forschungsinstitut CEVIPOF und fügte hinzu: "Es erleichtert die Organisation von Versammlungen, die Mobilisierung der Anhänger, die Verbreitung von Listen mit Schwerpunktthemen und Argumenten." Allerdings wird das Web im Wahlkampf auch massiv dazu verwendet, die Gegenkandidaten zu destabilisieren. So brachten Anhänger Sarkozys etwa eine Videoaufnahme in Umlauf, in der sich Royal gegen die von den Sozialisten eingeführte 35-Stunden-Woche aussprach. "Internet kann ein wunderbares Instrument zur Abwertung der Gegner sein, wie dies bereits in den USA der Fall ist", betonte Crouzet.

"Internet wird zur Meinungsbildung in diesem Wahlkampf beitragen, allerdings wird es nicht das Ergebnis bestimmen", schränkte Yves-Marie Cann, Leiterin der Meinungsforschungsabteilung bei IFOP, ein. Sie erinnerte daran, dass mehr als die Hälfte der französischen Wähler keinen Zugang zum Internet haben, und dass das Web nicht vorrangig zur politischen Information verwendet werde. Laut einer CEVIPOF-Studie ist in der Tat das Fernsehen für 58 Prozent der Franzosen die erste politische Informationsquelle. Das Internet bringt es nur auf fünf Prozent, wobei der Anteil bei jungen Leuten zwischen 18 und 34 Jahren auf zehn Prozent ansteigt.

Unzuverlässig

Laut Vedel leidet das Internet in Frankreich noch unter dem Ruf, ein nicht sehr zuverlässiges Medium zu sein. Nach Ansicht des CEVIPOF-Forschers werden etwa 15 bis 20 Prozent der Franzosen den Wahlkampf im Internet verfolgen. Es handelt sich dabei um eher junge Wähler mit einer überdurchschnittlich hohen Schulbildung. "Dieses neue Medium mobilisiert vor allem Menschen, die bereits an der Politik interessiert sind", so Vedel. (APA)

Share if you care.