Im Namen der Reinheit

8. März 2007, 10:00
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Die WHO schätzt, dass weltweit rund 130 Millionen Frauen von Genitalverstümmelung betroffen sind

Noch heute ist die Female Genital Mutilation (FGM) bei Frauen in patriarchalischen Systemen weit verbreitet. Jährlich kommen geschätzte zwei bis drei Millionen Mädchen dazu, die in ihren streng patriarchal strukturierten Gemeinschaften einer Genitalverstümmelung zum Opfer fallen.

Das unmenschliche Ritual der weiblichen Beschneidung reicht bis in die Antike zurück, ohne das sich seine Entstehung genau datieren lässt. Die Praxis ist wahrscheinlich ägyptischen Ursprungs und verbreitete sich vom Land am Nil über weite Teile Afrikas bis nach Vorderasien. Auch über die Gründe des grausamen Ritus wird bis heute spekuliert – sie reichen von der Ansicht, die Beschneidung hätte zur Geburtenkontrolle beigetragen oder, dem widersprechend, zu erhöhter Fruchtbarkeit, bis zur Meinung, dass die Verstümmelung der Geschlechtsorgane zur Kontrolle der weiblichen Sexualität diene.

Faktum ist, dass die weibliche Beschneidung bis heute trotz großer Bemühungen von WHO, UNICEF, Frauenorganisationen und der Politik vor allem in afrikanischen und arabischen Ländern weit verbreitet ist. Am bekanntesten ist wohl Waris Diries Kampf gegen die Genitalverstümmelung.

Archaische Methoden

Mit archaischen Ansichten, Mitteln und Methoden vergreifen sich aber keineswegs die Männer an den unschuldigen jungen Opfern. Nein, dass Ritual wird von den weiblichen Teilen der Gesellschaft mitgetragen. Bei der Frauenbeschneidung unterscheidet man verschieden Eingriffe, die zu einem unterschiedlichen Grad an Verstümmelung führen. Am weitesten verbreitet (vor allem in Teilen Ost-, Nord- und Westafrikas) sind die Exzision der Klitoris und die pharaonische Beschneidung.Bei der Exzision der Klitoris, die etwa in Südarabien schon einen Tag nach der Geburt durchgeführt wird, im Oman im Alter zwischen fünf und zehn Jahren, wird ein Teil der Klitoris (auch "milde Sunna" bezeichnet) oder die gesamte Klitoris (Sunna) entfernt.

Die pharaonische Beschneidung (Female Infibulation) entfernt neben der Klitoris auch die kleinen und Teile der großen Schamlippen (lapia minora und lapia maiora). Die verbleibenden Teile der großen Schamlippen werden zusammengenäht und bilden eine Narbe, die sich über die Vaginalöffnung legt. Es bleibt lediglich eine kleine Öffnung zum Abfließen von Urin und Menstruationsblut. Bei Geschlechtsverkehr oder Geburt reißen die Narben auf, wes halb oft eine so genannte Refibulation vorgenommen wird, d.h. die Öffnung erneut ver näht wird, um einen jungfräulichen Zustand herzustellen.

Bei der Wahl der Beschneidungswerkzeuge, mit denen der Eingriff vorgenommen wird, ist man nicht zimperlich: Rasierklingen, Glasscherben, Küchenmesser, Scheren, Dosendeckel. Nur in den Städten und Ballungszentren steht eine medizinische Infrastruktur zur Verfügung, die das Leid der Frauen nicht verringert, aber die Sterblichkeitsrate drückt. Sie liegt, zählt man die Spätfolgen mit, bei 35 Prozent, schätzt die WHO.

Durchgeführt werden die grausamen Praktiken meist von Hebammen, Heilerinnen, Beschneiderinnen, aber auch von Priestern oder Barbieren im Einverständnis mit den Müttern und allen weiblichen Verwandten des Clans der Mädchen. Ein unbeschnittenes Mädchen gilt als unrein, wird keinen Ehemann finden und kann keine "reinen" Nachkommen gebären. Im Namen der Reinheit werden die jungen Opfer weiter gequält werden, für immer verstümmelt - und es gibt keine Anzeichen, dass sich dies bald ändern wird. (Barbara Forstner)

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    Ein unbeschnittenes Mädchen gilt als unrein, wird keinen Ehemann finden und kann keine "reinen" Nachkommen gebären.
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