Form follows Leben

12. März 2007, 15:00
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Viele KünstlerInnen beschäftigen sich mit der Seele alltäglicher Objekte - Was Kunst mit Design zu tun hat, fragte sich die Kunstkritikerin Sabine B. Vogel

Alles ist Kunst. Sehen wir nur von der Funktion ab, entfaltet jedes Warenobjekt eine ästhetische Faszination - oder warum stellte Marcel Duchamp 1917 ein Urinal als Kunstwerk aus, warum fertigte Andy Warhol 1964 die ganz gewöhnlichen Kisten für Seife der Marke Brillo als identische Holzversionen an? In den 1980er-Jahren dann ließ Jeff Koons intime Momente seiner Ehe in kitschig-bunte Glasfiguren blasen, Jorge Pardo ist seit Jahren unangefochtener Meister von Kunstobjekten, die als Lampen funktionieren, und Franz Wests bunte Stühle und Sofas sind aus Sammlerhäusern und Galerien nicht mehr wegzudenken - warum rücken Künstler seit fast hundert Jahren dem Alltagsdesign immer näher, statt sich im Reich des interesselosen Wohlgefallens aufzuhalten?

Trennung außer Kraft setzen

Duchamps "Ready Mades" standen Anfang des 20. Jahrhunderts nicht einsam da. Es war die Zeit des russischen Konstruktivismus, der Wiener Werkstätte, der De-Stijl-Bewegung in Holland, die allesamt die Trennung zwischen Kunst und Design außer Kraft setzten. Ölgemälde und technische Konstruktionszeichnungen, Stoff- und Bühnenentwürfe, Möbel und Skulpturen, erst alles zusammen versprach die Erfüllung der großen Mission: die Einheit von Kunst und Leben, die Verbesserung des Lebens durch Kunst, die Ästhetisierung des Alltags.

Dass Duchamps Flaschentrockner und Urinal, gänzlich unverändert vom Geschäft ins Museum gestellt, dabei den Kunstbegriff radikal veränderte, war ein Nebeneffekt - an dem heute allerdings keiner mehr vorbeikommt. Genauso wenig wie an Man Rays Bügeleisen von 1921, dessen Unterseite er mit Nägeln spickte. Seither werden wieder und wieder banalen Gebrauchsgegenständen Sinn und Zweck entzogen und diese in etwas Neues transformiert - aber in was eigentlich? In Kunst? Dann wäre ja die Definition von Kunst gleichbedeutend mit "unbrauchbar und nutzlos"- und so einfach ist es denn doch nicht.

Immerhin ist zum einen auch der Nutzen von Nippes wie Porzellanhündchen und Schneekugeln fraglich. Zum anderen erhalten die transformierten Objekte in der Kunst durchaus eine neue Funktion: Sie stören den Alltag, widersetzen sich als mentale Stolpersteine unseren Gewohnheiten, brechen ein in die Rituale und locken so unsere Wünsche und Obsessionen heraus. An bzw. in eine schlichte Kaffeetasse fügt Dorothee Golz eine zweite wie einen siamesischen Zwilling - ein Streit- oder ein Liebesobjekt? In einen leeren Blumentopf platziert Michael Kienzer ein meterlanges Rohr, das oben in der Luft, auf Höhe der Baumwipfel am Stubenring gleich vor dem MAK, in eine Brunnenpumpe mündete. Zwei Fußballmannschaften stehen sich gegenüber und spielen um die Macht über den runden Ball - nebeneinander, an Maurizio Cattelans sieben Meter langem Tischkicker für elf Spieler. All das sind Eingriffe, die an das Märchen von Frau Holle erinnern, in dem der Abstieg hinunter in den Brunnen oben im Himmel endet und der Ausgang aus dem Schneeschüttelreich dann ebenerdig ist: Der Glaube an Regeln ist durch bedeutungsvolle Bilder ersetzt.

Emotionale Funktionalität

Ein Meister der quergedachten Variationen ist auch Martin Walde. Seine "Jelly Soap" ist von derartig grell-grüner Farbe, dass wir fast schon Abstand nehmen von der Idee des Reinigens. "Kaum eine Farbe hat eine so hohe Ambivalenzenergie und ist von so hohem opportunistischen Potenzial in Bezug auf die Umgebung wie Grün", erklärt Walde. Und dann lässt sich die Seife auch noch nicht abreiben, sondern schmilzt durch Handwärme und Druck. Ein weiteres Produkt seiner Seifen-Reihe ist der Seifenspender im Form eines wabernden, schwarzen Silikon-Balles, der mit einer schleimigen Flüssigseife gefüllt ist, die bei jeder Berührung aus der Hügelmitte herausquillt - das ist nicht Objektgestaltung, sondern Forschung an der Frage nach einer "emotionalen Funktionalität".

Hier kann man dann auch die Schnittstelle zwischen Design- und Kunstobjekt ansetzen. Beide Bereiche spielen mit Ritualen und Verführungen, denken kreuz und denken quer. Aber anders als im Produktdesign müssen die Kunstobjekte an keinem Punkt an DIN-Normen und Preis-Leistungs-Fragen angepasst werden, keiner Kosteneffizienz oder gar Marktanalyse folgen.

Sie dürfen schleißig-unbequem sein wie Franz Wests Möbel, unhandlich wie Waldes Seifen oder unbenutzbar wie Golz' Tassen und Stühle. Denn vor allem wollen uns die Werke der freien Kunst nicht zum Kaufen verführen, sondern zur erhöhten Aufmerksamkeit im Alltag. Es sind Form gewordene Überlegungen zu Emotionen und Selbstverständlichkeiten - zum Leben. (Der Standard/rondo/09/03/2007)

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    Die berühmte Pelztasse - "Frühstück im Pelz" (Le déjeuner en fourroure) - von Meret Oppenheim, 1936.

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