Das Design von der Kunst befreien

10. März 2007, 17:00
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Ein utopischer Begriff ist Design für MAK-Direktor Peter Noever, die "Walking chair"-Designer Fidel Peugeot und Karl Emilio Pircher sehen darin eine Art Lebensgestaltung

Der Standard: Ihr runder Pingpong-Tisch ist oft ausgestellt worden, war sogar auf der Biennale in Jakarta zu sehen - suchen Sie bewusst die Schnittstelle zwischen Design und Kunst?

Fidel Peugeot: Wir machen zwischen Kunst und Design keine Unterscheidung, das entscheiden eh andere, wichtig ist uns die Qualität.

Peter Noever: Ich sehe da schon einen dramatischen Unterschied. Man muss das Design von der Kunst befreien. Für mich ist Design ein utopischer Begriff, der weit über die Kunst, weit über die Architektur hinausgeht, der ein anderes Modell vorsieht, ein Weltmodell. Es gibt keine Grenzen im Design, Design ist eine Kategorie der Gestaltung. Das können Produkte sein wie eure, die einen überraschen, die mehr implizieren, als man zunächst annimmt, die einem spielerischen Ansatz folgen. Aber Design geht auch weit über Produkte hinaus.

Karl Emilio Pircher: Es gab im Herbst in Wien eine Konferenz namens "Design 06 - Zeitzonen". Da stand zur Diskussion, was Design in der Zukunft sein wird - nämlich eine Lebensgestaltung. Wir sehen das ähnlich, aber wir müssen natürlich auch Lösungen bieten für unsere Kunden.

Peter Noever: Das sind dann die falschen Kunden, die müsst ihr auswechseln ...

Karl Emilio Pircher: Wir brechen Grenzen mit Produktdesign, Möbel, Grafik-, Schrift- und Musik-Design und jetzt auch mit Architektur auf.

Peter Noever: Design hat eine Schlüsselrolle bei der Neugestaltung der Gesellschaft. Die notwendigen Eingriffe in die Politik, die können keine Politiker mehr leisten, das kann nur mehr Design - das Verteidigungsministerium etwa müsste mit anderen Inhalten ausgestattet werden, ein Peace-Kommando für die ganze Welt. Was fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit Design - dann können immer noch Produkte folgen.

Der Standard: Fehlt nicht dazu eine wichtige Voraussetzung, denn anders als die bildende Kunst ist Design in Wien ja kaum sichtbar?

Peter Noever: ... deswegen hat es ja die Ausstellung vor zwanzig Jahren gegeben, "Design ist unsichtbar"! Seitdem sieht man nichts! (Anm.: Gsöllpointner, Helmut [Hrsg.], Design ist unsichtbar, Katalog zur Ausstellung Forum Design, Österreichisches Institut für visuelle Gestaltung, Linz 1980, Löcker Verlag, Wien 1981)

Karl Emilio Pircher: Die Frage der Sichtbarkeit ist ja auch ein Problem, weil viele unter Design nur eine schöne Form zum effizienteren Verkauf verstehen. Dabei geht es bei uns viel mehr ums Erfinden, darum, ganz Neues zu entwickeln, über neue Inhalte, die zu neuen Funktionen führen. Es geht ums Nachdenken über die Gesellschaft, nicht um die Kopie einer Kopie.

Der Standard: Wo finden denn diese Neuerungen, ob formale oder gesellschaftliche, ihre Ausgestaltung? Gibt es in Wien Ausstellungen, in denen zeitgenössisches, österreichisches Design gezeigt wird?

Fidel Peugeot: Dazu ist die Szene hier viel zu klein, das reicht nicht aus. Aber die Zukunft steht vor der Tür.

Karl Emilio Pircher: Das hat in Wien keine Öffentlichkeit wie in Holland oder in London, wir sind hier noch in einem Wasser, wo sich alles sehr still fortbewegt - und das gilt auch für das MAK, ein traditionsreiches, großes Museum, aber was aktuell passiert im Design, kommt hier nicht vor.

Der Standard: Warum gibt es keine Ausstellungen zu jungem Design im MAK?

Peter Noever: Die gibt es zwar nicht im Ausmaß, wie es sein könnte. Aber zum einen soll ein Kunstmuseum den Fokus auf Kunst legen, das ist eine Frage der Kapazität, zum anderen ist das eine Frage der Form. Mit der Universität für angewandte Kunst wollen wir einen großen, internationalen Designpreis vergeben, der dann von einer Ausstellung begleitet wird.

Fidel Peugeot: Die Betonung auf Kunst in diesem Museum hier ist doch eine generationsbedingte Ansicht. In den 1960er-Jahren konnte man mit der Kunst die heftigsten Statements abgeben. Heute wird die Kunst in der Welt draußen vor allem anderen wirtschaftlich reflektiert, über die Verkaufspreise, auf Kunstmärkten und Auktionen. Heute sind doch viel eher Themen interessant, Recycling, aktuelle Technologien und ähnliches - da hat die Kunst doch gar nichts hinzuzufügen.

Peter Noever: Da muss man aufpassen! Die wichtigen Entwicklungen passieren außerhalb der Museen. Wir kämpfen gerade gegen diese historisierenden Straßenlaternen, die von der Stadt Wien überall am Ring aufgestellt werden sollen. Zusammen mit der Universität für angewandte Kunst haben wir dagegen eine eigene Beleuchtung unter Mitwirkung maßgebender Designer vorgeschlagen. Barbarisch antwortet die Stadt darauf, wir dürfen nur eins: die Abgüsse dieser Kandelaber von 1902 individuell dekorieren. Wie kommt der Stadtrat zu dieser Entscheidung - mit welchem Hintergrund, mit welchem Vordergrund?

Der Standard: Kauft das MAK junges Design an?

Peter Noever: Es wird überhaupt nichts angekauft. Die Republik ist verarmt und verfügt über kein Ankaufsbudget, das betrifft nicht nur das MAK. Wir haben vor zehn Jahren die Design-Datenbank begonnen, und ich weiß nicht, ob ein Design-Museum überhaupt funktioniert, denn fast alle Design-Sammlungen sind ein Verschnitt zwischen dem, auf dem wir sitzen, und Mies van der Rohe oder Philippe Starck. Ich glaube nicht, dass ein Museum die Antwort sein kann für Design, Design braucht ein neues Modell, nur ausstellen würde nicht ausreichen!

Fidel Peugeot: Aber das würde zumindest ein größeres Bewusstsein für Design schaffen! Es gibt in Österreich nur wenig Design-Kultur, die Menschen investieren noch zu wenig in Architektur und Design.

Karl Emilio Pircher: Kunst und Design werden sich auch verändern. Wenn ein Sessel von Ron Arad 150.000 Euro kostet, dann ist das sicher kein Design mehr im Sinne von "Nur-zu-benutzen", sondern ein Objekt, das man wie eine Skulptur aufstellt. Wie vor 20 Jahren die Fotografie sich zur Kunst etabliert hat, so wird sich auch das Design entwickeln.

Der Standard: Wenn es diese Tendenz gibt, warum findet sich dann kein Design auf Kunstmessen?

Peter Noever: ... die sind ja schon mit Designern besetzt und mit immer weniger Künstlern ...

Fidel Peugeot: Wir haben das mit unserem runden Pingpong-Tisch versucht, aber die Kunstmesse Basel hat einen Exklusivvertrag mit Vitra und darf keine weiteren Design- objekte in den öffentlichen Bereichen aufstellen.

Der Standard: Würden Sie dem MAK einen Pingpong-Tisch donieren?

Peter Noever: Wir haben schon einen - sonst könnte ich meine Arbeit gar nicht verrichten, ohne jeden Tag Pingpong zu spielen! (Sabine B. Vogel/Der Standard/Rondo/09/03/2007)

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    MAK-Jahrespressekonferenz 2007 mit Peter Noever

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