Stofftaschentuch

8. März 2007, 17:00
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Sie fusseln nicht und sind auch nicht vulgär - Oder: Zuerst kam der Finger, dann das Stofftaschentuch

+++Pro
Von Christoph Winder

Weil es nun einmal geduldig ist, lässt sich Papier widerspruchslos für verschiedenste Säuberungsarbeiten am menschlichen Körper heranziehen. Rein pragmatisch ist auch nichts einzuwenden, wenn man der rinnenden Nase mit Feh oder Kleenex zu Leibe rückt. Allein: Ebenso unbestreitbar ist das Stoff- dem Papiertaschentuch unter vielen anderen Aspekten haushoch unterlegen. Nur Stofftaschentücher lassen sich (sofern in ausreichender Anzahl vorhanden) für die behelfsmäßige Verfertigung von Steppdecken, Fallschirmen oder Ersatz-Seilen (etwa: zur Flucht aus Gefängniszellen) zweckentfremden.

Nur Stofftaschentücher fusseln nicht anarchisch in der Wäschetrommel herum, wenn man sie in der Hosentasche vergisst - beim Papiertaschentuch ist im analogen Fall stundenlanges Herunterfitzeln angesagt. Schließlich wirkt das aus der Brusttasche des Anzugs herauslugende Papiertaschentuch meist deplatziert, ja vulgär. Nur sein leinener Bruder wird, an dieser Stelle getragen, dem Kenner den alten Bewunderungsruf entlocken: Oh, it's a Stofftaschentuch.

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Contra---
Von Benno Zelsacher

Hält man den Mund zu und verschließt ein Nasenloch mit dem Finger durch seitlichen Druck auf den diesbezüglichen Flügel und bläst mit voller Kraft, sollte das offene Loch mit Hochdruck gereinigt werden. Das funktioniert gut im Wald und auf der Heide, und gegen einen widerspenstigen Rammel hülfe auch ein Tüchlein nicht. Nicht nur bei Tisch freilich ist besagtes Verhalten hochgradig unschicklich. Wer nicht dabei war, muss Überlieferungen trauen, und aus dem Mittelalter wird überliefert, dass sich die Menschen, Herrscher wie Untertanen, mit den Fingern schneuzten und diese anschließend an der Kleidung abstreiften. Jacke wie Hose des dunklen Zeitalters sind also als Vorläufer des Stofftaschentuchs zu bezeichnen, und alle drei sind gleichrangig, was die Appetitlichkeit betrifft. Der Kostbarkeit des Zwirns wegen konnte zunächst nur der Adel sein feines Näschen mit einem Tüchlein putzen. Mittlerweile kann sich fast jeder ein Stofftaschentuch leisten. Warum es sich kaum einer leisten will? Die Angst vor dem Schnupfen stiege ins Unermessliche. (Der Standard/Rondo/09/03/2007)
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