Grace Marta Latigo

10. April 2007, 21:22
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Künstlerin Grace Latigo lebte jahrelang illegal in Österreich und betreut Migrantinnen und Opfer von Frauenhandel - ein Porträt

"Ich habe mir nie ein Blatt vor den Mund genommen und werde mir nie ein Blatt vor den Mund nehmen." Grace Marta Latigos Waffe ist ihre Wortgewalt, die sie voller Leidenschaft dafür einsetzt, um auf die Rechte derer aufmerksam zu machen, die selbst keine Möglichkeit dazu haben: illegalisierte Migrantinnen und Prostituierte, Schubhäftlinge, traumatisierte Flüchtlingsfrauen, Opfer von Frauenhandel und Gewalt.

Schon als Kind machte sich die 1967 in Bratislava geborene Wienerin einen Namen als Rebellin: Als Tochter einer Slowakin und eines Uganders, der zum Studium in den Ostblock gekommen war, verbrachte sie die ersten Lebensjahre bei ihrer Großmutter mütterlicherseits, einer ehemaligen Widerstandskämpferin mit deutschen Wurzeln. "Mit zwei Jahren war ich Mitglied im kommunistischen Pensionistenklub, mit drei Jahren wusste ich, wer Angela Davis war," erzählt Latigo nicht ohne Stolz.

"Anstiftung zum Kommunismus"

Als sie vierzehn war, nahm der Vater einen Job in Wien an, wo sich Latigo "irrsinnig schnell integriert" hat. Angeeckt ist sie trotzdem: Während einer Schulmesse sprach sie sich für Abtreibung aus, mit 16 wurde sie "wegen Anstiftung zum Kommunismus" aus der Schule geworfen und wechselte auf eine Privatschule. Den Rest der 80er tingelte Latigo durch alle Szenen von Punk bis Yuppie, modelte, gründete eine der ersten Wiener Second-Hand-Boutiquen, nahm Songs auf und begann ihre Laufbahn als freischaffende Künstlerin.

Dem High folgte eine herber Absturz: Ihr Visum wurde aufgrund des neuen Aufenthaltsgesetzes von 1992 nicht mehr verlängert, und Latigo fand sich als "Illegale" wieder, die nicht arbeiten durfte und von Schubhaft bedroht war. "Es war ein Schock, der mein Leben radikal verändert hat." Zu diesem Zeitpunkt begann auch ihr politisches und menschenrechtliches Engagement, bei einem afrikanischen Verein in Linz. "Ich habe mit Schubhäftlingen gearbeitet, obwohl ich selbst illegalisiert war." Für eine Geschichte über diese Zeit gewann sie den Literaturpreis "Schreiben zwischen den Kulturen", später folgte je ein Interkultureller Preis für ein Theaterstück und einen Afrika-Begegnungstag.

Nach einem siebenjährigen Kampf mit den Behörden bekam sie 1999 "meine Freiheit" wieder, in Form eines Visums. Seither ist Latigo unentwegt als "One Woman Opposition" aktiv, gibt antirassistische Workshops und setzt sich abseits institutioneller Strukturen gegen den "multiplen Missbrauch von Migrantinnen" ein. Woher nimmt sie all die Energie? "Ich schreibe, male und singe mir alles aus der Seele." (Karin Krichmayr, DER STANDARD print, 8.3.2007)

  • Nach 25 Jahren in Österreich darf Latigo heuer erstmals die Staatsbürgerschaft beantragen. "Ich warte darauf, dass ich sie nach Anna Netrebko für besondere Verdienste verliehen bekomme." Und das meint sie ernst
    foto: regine hendrich

    Nach 25 Jahren in Österreich darf Latigo heuer erstmals die Staatsbürgerschaft beantragen. "Ich warte darauf, dass ich sie nach Anna Netrebko für besondere Verdienste verliehen bekomme." Und das meint sie ernst

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