Extremisten schlagen Kapital aus Sicherheitsoffensive in Bagdad

10. März 2007, 19:55
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Sunnitische Aufständische verstärken Angriffe nach Rückzug schiitischer Milizen - "Taktik, die dem Sturm vorausgeht"

Bagdad - Dutzende von Kugeln durchsiebte Leichen wurden noch vor Wochen nahezu täglich in Bagdad gefunden. Inzwischen sind Vergeltungsmorde zwischen Sunniten und Schiiten zurückgegangen. Jetzt schlagen sunnitische Aufständische wieder stärker mit Anschlägen und spektakulären Entführungsaktionen zu: "Was in Bagdad passiert, ist eine Art neue Taktik, die dem Sturm vorausgeht", sagt ein sunnitischer Führer mit Kontakt zu Extremisten. "Die Angriffe sollen schwerer und schmerzhafter werden."

Aufsehen erregende Anschläge in der irakischen Hauptstadt sollten vor allem die Fähigkeit der Regierung, ihre Bevölkerung zu schützen, öffentlich in Frage stellen, erklärt der Informant. Bagdad bleibe das Zentrum des Widerstands, betont ein weiterer sunnitischer Führer in einem Telefongespräch aus Jordanien. Die Sunniten würden die Hauptstadt nie den Schiiten oder Amerikanern überlassen.

Die Zunahme der Attacken geht Hand in Hand mit dem Rückzug schiitischer Milizen aus den Straßen der Hauptstadt. Damit schlagen die Aufständischen auch Kapital aus einem der ersten Erfolge der jüngsten irakisch-amerikanischen Sicherheitsoffensive in Bagdad: Ministerpräsident Nuri al-Maliki brachte den radikalen schiitischen Prediger Moktada al-Sadr dazu, seine Al-Mahdi-Kämpfer zurückzurufen und so den Sicherheitstruppen den Weg zu ebnen.

Viele Schiiten sind der Überzeugung, dass die Zurückhaltung der Mahdi-Armee extremistischen Sunniten Tür und Tor geöffnet hat. Al-Sadr hat bereits deutliche Kritik an der Regierungsoffensive geäußert - in einer versteckten Drohung, dass seine Kämpfer wieder eingreifen könnten, wenn die Soldaten nicht für Sicherheit sorgen.

Genau das könnte indes auch ein Ziel der sunnitischen Aufständischen sein: die schiitischen Milizen so weit zu provozieren, dass diese auf die Straßen zurückdrängen. Dann käme es zu einem Showdown zwischen den Amerikanern und den schiitischen Kämpfern, lautet die Kalkulation. Vor allem die Mahdi-Armee würde dabei geschwächt. Außerdem würden die Beziehungen zwischen USA und der schiitisch dominierten Regierung belastet.

Außerhalb der Hauptstadt bemühen sich Extremisten derzeit mit Nachdruck, in der Region Dijala nordöstlich von Bagdad Fuß zu fassen. Dort bekannte sich in der vergangenen Woche eine mit der Al Kaida in Verbindung stehende Gruppe zur Entführung von 18 Polizisten. Ein Video von der Ermordung der Sicherheitskräfte stellte der "Islamische Staat des Iraks" ins Internet. Aber auch im Süden der Hauptstadt schlagen sunnitische Militante wieder mit blutiger Gewalt zu. Eine Anschlagsserie kostete am Dienstag und Mittwoch rund 130 schiitische Pilger das Leben.

In einigen Ortschaften nördlich von Bagdad oder in der Provinz Anbar westlich von Bagdad manifestiert sich die Präsenz radikaler Islamisten nach Berichten von Einwohnern bereits im Alltagsleben. Anhänger des "Islamistischen Staats des Iraks" peitschten gelegentlich Männer wegen unislamischen Verhaltens in aller Öffentlichkeit aus, heißt es. Anlass seien zum Beispiel zu lange Haare. Auf Postern werde die Bevölkerung gewarnt, dass auch Alkohol- und Zigarettengenuss unislamisch seien.

US-Kommandanten glauben, den sunnitischen Extremisten bleibe gar keine Wahl, als sich außerhalb Bagdads neu zu formieren. "Die Sunniten wissen, dass sie die Kontrolle in Regionen um Bagdad brauchen, wenn sie schließlich Bagdad kontrollieren wollen", sagte Generalmajor Benjamin Mixson. "Und derzeit haben sie Bagdad nicht."

Peter Harling von der International Crisis Group beschreibt die Taktik als "Zurückziehen, Neuformieren, Zuschlagen". Der Fachmann des unabhängigen Konfliktforschungsinstituts geht indes davon aus, dass die Sunniten damit nicht allein sind: Sowohl sunnitische Aufständische als auch schiitische Todesschwadronen "bereiten sich auf die wirkliche Schlacht um Bagdad vor", sagt er. "Die beginnt, wenn die Offensive vorbei ist." (Von Robert Reid/AP)

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