Kaltes Österreich

7. März 2007, 19:30
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Wo bleibt das besondere österreichische Bewusstsein für die Vielfalt?

Dass Österreich vielleicht der größte Profiteur der Wende im Osten und des EU-Beitritts der postkommunistischen Reformstaaten ist, beweist nicht nur der Augenschein in Budapest und Pressburg, Prag und Ljubljana. Alle wirtschaftlichen und finanziellen Forschungsberichte und erst recht die Bilanzen der Banken und der Industrieunternehmen (ÖMV!) spiegeln die höchst erfreulichen Folgen der österreichischen Auslandsinvestitionen.

Im krassen Gegensatz zu den Wirtschaftserfolgen verdüstert sich aber das Österreich-Bild der Kulturschaffenden, der Wissenschafter und der Minderheitenvetreter in diesen Ländern. So erklärte kürzlich der bekannteste ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung, in Deutschland gebe es ein genuines Interesse an Osteuropa, er sei aber von dem einst idealisierten Österreich heute tief enttäuscht. Österreich sei ein "kaltes Land, von dem ich viel geträumt habe und in dem ich kein Verständnis gefunden habe . . . Österreich ist heute zur tiefsten Provinz verkommen, ich war 1997 das letzte Mal dort".

"Uninteressant und veraltet"

Es ist freilich durchaus möglich, dass seine scharfe Kritik von schmerzlichen persönlichen Erfahrungen mitgeprägt wird. Man habe hier seine Gedanken über die mitteleuropäische Idee als "uninteressant und veraltet" betrachtet.

Österreich wird heute aber nicht nur von dem beleidigten ukrainischen Literaten als ein "kaltes Land" angesehen. Wie der preisgekrönte Essayist Karl-Markus Gauß der Presse kürzlich mitteilte, habe er etwa in der Slowakei einen österreichischen Geschäftsmann getroffen, der ihm am Frühstückstisch erzählte, dass diese Slowenen schon brav dazugelernt hätten: "Der errichtet Filialen für seine Firma, weiß aber gar nicht, in welchem Land." Ein wohl extremes Beispiel für geldgierige Ignoranz. Doch sagt Gauß zu Recht auch: "Wir kaufen uns groß im Osten ein und versuchen zugleich, uns Arbeitskräfte aus dem Osten fernzuhalten. Dass das hüben wie drüben Ressentiments hervorruft, ist klar."

Wer setzt heute die Tradition eines (längst vergessenen) Bundeskanzlers Klaus fort, der zu den Slowenen in Kärnten in ihrer Muttersprache sprach und im Belgrader Rundfunk seine Rede auf serbokroatisch hielt, eines Bruno Kreiskys, der lange vor der Bundesrepublik ostpolitische Initiativen auch durch programmatische Reden vor der Akademie der Wissenschaften in Budapest und Warschau eingeleitet hatte? Wer erinnert sich noch daran, wie Erhard Busek auf eigene Faust Wien (auch seine Wohnung) als Schnittpunkt für den intellektuellen Dialog zwischen Ost und West ausgebaut hat?

Im Kalten Krieg galt Österreich in den Augen der tschechischen, ungarischen, polnischen und serbischen Reformer als "warmes", das heißt offenes, verständnisvolles Land.

Heute beschweren sich die Rektoren der Universitäten in Wien und Graz, dass Gastprofessoren und die Studierenden aus dem Ausland "peinlichen und zynischen Schikanen" und oft Wartezeiten von einem halben bis zu einem Jahr ausgesetzt werden.

Wo bleibt das besondere österreichische Bewusstsein für die Vielfalt? Warum schweigen zum Beispiel Bundeskanzler und Außenministerin zum minderheiten- und reformfeindlichen Kurs der vom linkspopulistischen Fico geführten und extremen Nationalisten mitgetragenen Koalitionsregierung in der Slowakei?

Nicht nur der Ukrainer Andruchowitsch, sondern gerade die traditionell proösterreichisch eingestellten und in Bedrängnis geratenen slowakischen und ungarischen Reformer in unserem Nachbarland sind, mit so vielen anderen, vom "kalten Österreich" enttäuscht. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.3.2007)

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