Nachlese: Ian Paisley, Glaubenskrieger und Großmaul

  •  Für Ian Paisley schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit.
    reuters/kieran doherty

    Für Ian Paisley schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit.

Chef der Protestantenpartei DUP wird Nordirlands Premier

Die Wahl ist vorbei, die Auszählung der Stimmen dürfte bis Freitag dauern. Wenn die Eindrücke aus dem Wahlkampf nicht täuschen, haben sich die politischen Gewichte in der britischen Unruhe-Provinz Nordirland aber kaum verschoben. Und das bedeutet: Für Ian Paisley schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit.

Unter seinen Bewunderern heißt der knapp 81-jährige Fundamentalisten-Prediger nur The Big Man. Ein "Großmaul und Feigling noch dazu" nennt ihn hingegen ein langjähriger Beobachter aus dem liberalen protestantischen Bürgertum von Belfast. "Ich mache diesen Bastard persönlich verantwortlich für Tausende von Toten."

Auch vom britischen Premier Tony Blair und dem irischen Pendant Bertie Ahern weiß man, dass sie nicht gerade zu Paisleys Fanclub zählen. Doch die politische Realität ist eindeutig: Nach der endgültigen Abrüstung der IRA ruht die Hoffnung, lastet die Erwartung der Regierungen in London und Dublin auf Ian Paisleys Schultern.

"Ich fühle mich wohl und bin bereit zu übernehmen", hat Paisley im Wahlkampf oft gesagt. Als Chef der größten Partei in der Regionalversammlung von Belfast ist der Parteiführer automatisch Anwärter auf den Posten des Ministerpräsidenten.

Doch das von Paisley einst vehement abgelehnte Friedensabkommen von 1998 sieht auch vor, dass der Protestant den Job nur erhält, wenn gleichzeitig Martin McGuinness sein Stellvertreter wird - ein Katholik, vor allem aber der frühere und langjährige IRA-Armeechef. Bis heute weigert sich Paisley, mit McGuinness und dessen Parteichef Gerry Adams von Sinn Féin, dem politischen Arm der IRA, zu sprechen oder ihnen die Hand zu geben.

Kann auf einer solchen Regierung Segen liegen? Der Gottesmann Paisley stand nie für Ausgleich, der Politiker Paisley noch viel weniger. Stets schrie der charismatische Prediger "Nein", wenn es um praktische Wege aus dem Bürgerkrieg oder gar um Versöhnung mit den Katholiken ging. "Paisley hat Politik nie als Prozess begriffen, in dem man Freunde gewinnt und Leute beeinflusst", analysieren David McKittrick und David McVea in ihrem Buch "Making sense of the troubles".

Immerhin vereint Paisley und McGuinness ein gemeinsamer Feind: Der britische Nordirland-Minister Peter Hain hat nicht nur die Kommunalsteuer erhöht und hohe Wasserabgaben eingeführt. Er droht auch mit der Schließung des gerade erst gewählten Landtages, wenn sich die Streithähne nicht bis 26. März auf die Regierung geeinigt haben. "Ich lebe nicht nach seinem Kalender", sagt Paisley. Er redet lieber von Wirtschaftshilfe für Nordirland, die er von London fordert. Da klingt der alte Mann wie ein ganz normaler Politiker. In Nordirland ist das Anlass zur Zuversicht. (Sebastian Borger/DER STANDARD, Printausgabe, 8.3.2007)

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