Klarer Blick auf den gedachten Anderen

14. März 2007, 13:49
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Mit dem Tod des französischen Postmoderne-Denkers Jean Baudrillard endet eine Ära der Philosophie

Aber, wie Peter Engelmann, als "Passagen"-Chef Baudrillards deutschsprachiger Verleger, ausführt: Die Fragestellungen bleiben akut und aktuell.

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Paris/Wien - "Er hat sich nicht aus der Ruhe bringen lassen." Wenn der Wiener Philosoph und Verleger Peter Engelmann an Jean Baudrillard zurückdenkt, dann ist es die Unbeirrbarkeit, die ihm im Gedächtnis haften bleibt. Kaum ein Denker aus dem Diskursfeld der Postmoderne war so angreifbar wie Baudrillard, der häufig auf wenige Schlagwörter wie das "Verschwinden des Realen" festgelegt wurde.

Für Engelmann, in dessen Passagen Verlag seit den 1980er-Jahren viele zentrale Bücher der neueren französischen Theoriebildung erscheinen sind, ging Baudrillard jedoch weit über Slogans hinaus mit einem Versuch, "die drei Bereiche Philosophie, Soziologie und Ökonomie, wie Marx sie zusammengebracht hatte, nicht wieder auseinanderfallen zu lassen". So entstand unweigerlich das schillernde Bild von einem Denker als Zeitdiagnostiker, von einem philosophierenden Reporter und einem aphoristischen Systemzerstörer.

Für Engelmann, der in der repressiven DDR aufgewachsen war und zu den Hochzeiten der Postmoderne von Wien nach Paris ging, waren die französischen Philosophen wie Jacques Derrida, Jean-François Lyotard und eben Baudrillard in den Achtzigerjahren mehr als nur Idole. Sie waren "Kampfgenossen, wenn dieses Wort nicht so martialisch klingen würden. Ihre Interventionen lösten die Blockierungen auf, die damals herrschten, als ein zunehmend desavouierter Marxismus auf sehr aggressive Weise die Rolle der Kritik besetzt hielt". Antwort auf Marx

Der Marxismus mit seiner geschichtsphilosophischen Dogmatik war tief in das 20. Jahrhundert verstrickt, während Jean Baudrillard zu denen zählte, die auf derlei Abstraktionen, die im Faschismus wie im Kommunismus in Vernichtungspolitik endeten, philosophisch reagierte.

Dabei ging es keineswegs darum, Politik als solche aufzugeben. "Es ging nur darum, eine letztendlich metaphysisch strukturierte Politik nach diesen historischen Erfahrungen abzulösen durch andere Modelle, in denen das Singulare rehabilitiert wird. Die Unterpflügung des Individuellen war eine Signatur des 20. Jahrhunderts", so Engelmann.

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Gemeinschaftsformen

"Heute geht es, auch mit Baudrillard, darum, Formen der Gemeinschaft zu suchen, die hinter dieses Denken nicht zurückfallen. Das ist die Aufgabe, die uns aufgegeben bleibt." Es ist ein häufig geäußerter Vorwurf gegenüber der Postmoderne, dass man damit keine Politik machen könnte. Engelmann wendet dagegen ein, dass nicht zuletzt Jean Baudrillard "die sozialen Bewegungen am Ausgang des letzten Jahrhunderts genau in den Blick bekam. Soziale Bewegungen fokussieren sich an Unerträglichkeiten neu."

Eine Zeit lang sah es sogar so aus, als könnten diese Bewegungen die Agenda gänzlich neu schreiben - und tatsächlich reale Wirksamkeit entfalten. Inzwischen ist diesbezüglich Ernüchterung eingekehrt, und es wäre doch interessant zu wissen, wie weit sich ein Philosoph von diesen äußerlichen Umständen irritieren lässt.

Gibt es denn auch so etwas wie eine Biografie der Postmoderne, und hat Baudrillard sie vorgelebt? Peter Engelmann weicht dieser eigentlich unzulässigen Frage nicht aus. "Wenn man sich eine Person zu einer Theorie vorstellen möchte, dann kann man bei ihm tatsächlich eine Entsprechung feststellen. Sie liegt wohl vor allem in seinem Humor. Er war provokant und bäuerlich zugleich, und man vergaß mit ihm nie, dass das Essen und Trinken wichtig ist. Zugleich war er aber engagiert und genau."

In den letzten Jahren erregte Baudrillard noch einmal ziemliches Aufsehen, als er die Anschläge auf das World Trade Center als "metaphorischen Selbstmord" bezeichnete (und dafür verschiedentlich mit zum Teil herber Kritik bedacht wurde). Engelmann weist nachdrücklich darauf hin, wie sehr in diesem Motiv das verschachtelte Denken von Baudrillard kenntlich wird. Hinter diesem Bild vom Selbstmord stecken naturwissenschaftliche und soziologische Theorien von der Implosion von Systemen und Entropietheorien der Physik.

Dem zugrunde liegt aber ein Hauptmotiv von Baudrillards Denken, das Engelmann als "das Verhältnis zum Anderen" bezeichnet. Steckt nicht in dem immer wiederkehrenden Motiv des (unmöglichen) Tauschs bei Baudrillard auch eine tiefe Enttäuschung über eine zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft? "Er war ganz klar kapitalismuskritisch", konstatiert Engelmann, und fügt hinzu, dass auch die Deutung des Terrorismus als "Kehrseite" einer Politik zu nehmen ist, die nicht auf freie Formen der Vergesellschaftung zielt, sondern auf eine Rückkehr zu religiösen Abhängigkeiten.

Das Ende einer Ära

"Da sind, gerade auch in den USA, Fortschritte der bürgerlichen Gesellschaft zunichte gemacht worden", in deren Tradition - könnte man fortsetzen - die Postmoderne, entgegen der Meinung vieler ihrer Verächter, geradesteht. In seinem bei Passagen erschienenen Buch Der Geist des Terrorismus hat Jean Baudrillard versucht, diese Zusammenhänge deutlich herauszuarbeiten. Mit seinem Tod endet auch eine Ära der Philosophie, was für Peter Engelmann konkrete Auswirkungen auf die politische Öffentlichkeit hat: "Diese Art von Kritik wird uns fehlen." (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2007)

--> Baudrillard, übersetzt

Baudrillard, übersetzt

"Wir verlieren einen erstrangigen Denker der Postmoderne", erklärte der französische Bildungsminister Gilles de Robien am Mittwoch: Jean Baudrillard, 1929 in Reims geboren, am Dienstag in Paris gestorben, gilt auch im deutschen Sprachraum als einer der wesentlichen Köpfe der französischen Philosophie.

Viele seiner Werke wurden ins Deutsche übersetzt, darunter Das Ding und das Ich (1968), Der symbolische Tausch und der Tod (1976) oder Das perfekte Verbrechen (1996). Im Wiener Passagen Verlag erschienen zuletzt etwa Der Geist des Terrorismus (2003) und Die Intelligenz des Bösen (2006). (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2007)

  • Jean Baudrillard (1929-2007): 2003 war er im ausverkauften Wiener Volkstheater Gast der vom Standard mitkuratierten Reihe "Globalisierung und Gewalt".
    foto: christian fischer

    Jean Baudrillard (1929-2007): 2003 war er im ausverkauften Wiener Volkstheater Gast der vom Standard mitkuratierten Reihe "Globalisierung und Gewalt".

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