Heftige jüdische Kritik an deutschen Bischöfen

8. März 2007, 08:53
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Wirbel nach kirchlichem Israel-Tadel bei Pilgerfahrt ins Heilige Land

Berlin/Jerusalem - Israel-kritische Aussagen deutscher katholischer Bischöfe anlässlich ihrer Pilgerreise zur Unterstützung der Christen im Heiligen Land haben empörte Reaktionen des Zentralrats der Juden hervorgerufen und massive Irritationen bei der israelischen Botschaft in Berlin ausgelöst. Als "entsetzlich und völlig inakzeptabel" bezeichnete Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch Äußerungen der Bischöfe Gregor Maria Hanke und Walter Mixa, die die Lebensbedingungen der palästinensischen Bevölkerung mit denen in den Ghettos unter der Naziherrschaft verglichen haben sollen. Damit würden Klischees bedient, "die sich hart an der Grenze des Antisemitismus bewegen." Von der Bischofskonferenz wurden die jüdischen Vorwürfe zurückgewiesen. Die Pilgerfahrt des Episkopats sei durchgängig von einer "hohen Sensibilität" geprägt gewesen, hieß es.

Der israelische Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, warf den Bischöfen "Demagogie" vor; sie hätten nicht zu Aussöhnung und Frieden beigetragen, sondern das Gegenteil erzeugt. "Es ist entsetzlich, dass die Nachfahren von Holocaust-Opfern zu Tätern gemacht werden", sagte der Generalsekretär des jüdischen Zentralrats, Stephan Kramer. Durch die "Entgleisungen" sei die "berechtigte Kritik der Bischöfe am Umgang Israels mit den Palästinensern entwertet worden". Zentralrats-Vizepräsident Dieter Graumann hielt den Bischöfen "Antisemitismus" vor und forderte eine Klarstellung. Auch die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat den Bischöfen "eine traurige Unkenntnis der Geschichte und eine verzerrte Perspektive" vorgeworfen.

Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des verstorbenen Zentralratspräsidenten Heinz Galinski, nahm die Bischöfe gegen die Vorwürfe in Schutz und protestierte in einem Brief "gegen den inflationären Kampfbegriff Antisemitismus". Nach einem Besuch der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem sei es sogar "Pflicht, die heutigen Zustände in Ramallah und in den besetzten Gebieten anzuprangern. Dieses Unrecht muss beim Namen genannt werden. Gerade Deutschland hat diese Verpflichtung", betonte sie. Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger", Israel für seine Besatzungspolitik zu kritisieren, sei "gerechtfertigt, ja sogar notwendig". NS-Vergleiche seien dabei allerdings nicht nur "unerträglich", sondern auch "kontraproduktiv", denn jetzt werde nicht über Israel, sondern über die deutschen Bischöfe geredet.

Die deutsche Grünen-Chefin Claudia Roth forderte von den Bischöfen eine Entschuldigung: "Ihre Äußerungen schaden den Beziehungen zu Israel und sie tragen auch nicht zu mehr Frieden und Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern bei." Auch der Obmann der Deutsch-Israelischen Freundschaftsgruppe im Bundestag, der Grüne Jerzy Montag, forderte die Bischöfe zu einer Entschuldigung auf. Der kritisierte Bischof Hanke betonte erneut das Existenzrecht Israels: "Vergleiche zwischen den Geschehnissen des Holocaust und der gegenwärtigen Situation sind nicht annehmbar und waren nicht beabsichtigt." Der Sekretär der Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, erklärte, es seien beim Besuch in Bethlehem "unter dem Eindruck der bedrückenden Situation" aus der "emotionalen Betroffenheit Einzelner heraus einige wenige sehr persönliche Bemerkungen gefallen, die bereits selbstkritisch richtig gestellt" worden seien.

Die Bischöfe hatten unter dem Eindruck der existenziellen Bedrohung der christlichen Minderheit eine Pilgerfahrt nach Israel und Palästina unternommen und sich sehr besorgt über die Lage der Glaubensbrüder gezeigt. Sie kritisierten die "erschreckende, geradezu katastrophale Situation", der die Palästinenser ausgesetzt seien. In der Gedenkstätte Yad Vashem hatten die Bischöfe unterstrichen, dass es für die Deutschen und letztlich auch für die ganze Menschheit "unerlässlich" bleibe, sich dem Völkermord an den Juden auch in Gegenwart und Zukunft zu stellen. Die beispiellosen Verbrechen der NS-Zeit dürften nie vergessen werden, hatten sie betont.

Als "tragisch" hatte der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn kürzlich den Rückgang des Anteils der Christen in den Ursprungsgebieten des Christentums bezeichnet. Dass der Westen nichts für die orientalischen Christen tue, sei ein "dramatischer politischer Fehler". Schönborn hatte zur Solidarität mit den bedrängten Christen und zu "wachsamer solidarischer Sorge für die Kirchen im Orient" aufgerufen. (APA/AP/dpa)

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