"Immer nie am Meer": "Was falsch läuft, ist echter"

8. März 2007, 17:41
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Christoph Grissemann und Dirk Stermann im Interview zu Antonin Svobodas Komödie "Immer nie am Meer"

Erstmals als Leinwand-(Anti-)Helden zu erleben: Gemeinsam mit dem Entertainer Heinz Strunk sitzen sie in einem Auto im Wald fest. Dominik Kamalzadeh traf das Duo.


STANDARD: Drei Männer und ein Auto: Was hat Sie an diesem statischen Setting denn gereizt? Die Ausweglosigkeit?

Dirk Stermann: Wir waren auf der Suche nach einer Situation, in der man sich unwohl fühlt. Wichtig war, dass es nicht um junge, glückliche, erfolgreiche Leute am Strand geht, sondern um drei Typen, die verzweifelt sind. Weil das viel komischer ist. Glückliche Menschen müssen nichts mehr tun. Wenn Tom Cruise mit einem Finger am Felsen hängt, ist das öde, aber wenn er herunterfällt, ist es witzig. Was falsch läuft, ist echter.

Christoph Grissemann: Außerdem wussten wir aus unserer TV-Arbeit, dass wir immer dann am besten sind, wenn wir gegen etwas ankämpfen müssen. Gegen Witterung etwa: Bei Außendrehs, wenn es gehagelt oder geregnet hat, waren wir besser als in einer sterilen Studioatmosphäre. Es sollte also richtig ungemütlich sein – und das war dann auch so: Am Ende eines Drehtags haben wir uns die Zecken aus dem Körper gedreht.

STANDARD: Und das dann noch zu dritt: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Hamburger Entertainer Heinz Strunk?

Grissemann: Das hat sich ergeben. Wir kennen Heinz Strunk seit acht Jahren und sind mit ihm auch aufgetreten, daraus ist eine richtige Freundschaft geworden. Deswegen ist es zu dieser Herrenrunde gekommen. Wären wir mit einer Frau befreundet, wäre vielleicht eine Frau mit uns im Auto gesessen.

Stermann: Für das Zusammenspiel war Strunk total wichtig. Schon beim Schreiben war er die ordnende Kraft.

Grissemann: Er ist ein besessener Arbeiter, der alles gleich in die Maschine klopft. Er hat die Ideen sofort in eine Form gegossen. Für das Spiel war er als Irritation auf der Hinterbank unentbehrlich. Er fungiert als Stichwortgeber vom Rücksitz oder durchbricht unseren Dialog. Der Film wäre viel schlechter, wenn wir allein im Auto gesessen wären – oder mit Elke Winkens.

STANDARD: Im Unterschied zum Radio war ein Drehbuch notwendig – und ausformulierte Dialoge. Haben Sie zunächst Themen gesammelt, über die Männer gerne reden?

Grissemann: Das auch. Aber der Text wurde irrsinnig abgeschlankt. Am Anfang haben wir tatsächlich versucht, Witze zu machen. Wir haben aber schnell gemerkt, dass es das überhaupt nicht braucht. Gags in einer solchen Situation wären das Allerletzte. Der Text hat sich schließlich auf ein paar wichtige Sätze reduziert. Das find ich jetzt sehr schön. Insofern ist es, verglichen mit dem Radio, die völlig umgekehrte Situation. Da schreiben wir uns zwei Schlagzeilen auf – und um die herum plappern wir dann.

Stermann: Wenn wir an einer Radiosendung auch drei Jahre schreiben würde, hätte die am Ende aber auch nur einen Satz.

STANDARD: Das klingt nach einem schwierigen Schreibprozess ...

Grissemann: Das war es. Wenn Dirk und ich zusammenarbeiten, muss uns schon beiden eine Idee gefallen, damit sie ins Bühnenprogramm aufgenommen wird. Zu dritt war es noch komplizierter: Das waren Selbstzerfleischungsprozesse. Weil Strunk auch nicht sehr höflich ist: Wenn ihm etwas nicht gefällt, sagt er gleich, er finde das katastrophal – "Raus damit!"

Stermann: Das führte dazu, dass man zunehmend weniger vorschlagen wollte.

STANDARD: Der Film kommt fast ohne dramaturgische Entwicklung und Psychodramatik aus, dafür gibt es viel Stillstand.

Stermann: In Wahrheit ist es in einer solchen Situation, wenn du nicht gerade MacGyver bist, ja einfach langweilig. Ich glaube auch nicht daran, dass man große Entwicklungen durchmacht. Was soll da schon passieren? Man stirbt – oder eben nicht. Würde man behaupten, die Situation führt zu etwas, wäre das unrealistisch. Die meisten Menschen würden in dieser Situation nichts machen. Ich kenne ja auch keinen, der etwas kann. Etwas Praktisches nämlich.

Grissemann: Am Anfang gab es noch die Idee einer Liebesgeschichte. Die Power-Walkerin, die zu dem Unfall veranlasst, sollte auch im Wald landen und querschnittsgelähmt neben dem Auto liegen bleiben. Und ich verlieb' mich dann in sie, sprech' so aus dem Fensterschlitz mit ihr. Das wurde dann aber fallen gelassen.

STANDARD: Dass es kein Einfühlungsschauspiel gibt, ist Ihnen bestimmt entgegengekommen.

Stermann: Vieles ist uns entgegengekommen: Auch die Tatsache, dass man nur sitzt. Dass chronologisch gedreht wurde.

Grissemann: Und dass man den Körper nicht braucht. Dass man nicht fechten oder boxen musste.

STANDARD: Könnte man sagen, dass es sich um eine Art dokumentarische Komik handelt?

Grissemann: Ja. Die Rollen wurden nahe an unseren Personen geschrieben. Niemand musste einen Vietnam-Veteranen darstellen. Das, was ich im Film bin, bin ich zwar weniger im Leben, aber ich kenne das Meiste: trinken, ein bissl depressiv sein. Dirk ist auch privat der Fels in der Brandung, der Dinge schönredet. Das war eine Art Peinlichkeitsvermeidung – ich in Strunks Rolle, das wäre eher eine Louis-de-Funès-Nummer geworden.

STANDARD: Und das Kind, das auftaucht, aber nichts unternimmt – ein Seitenhieb auf die tristen Szenarien des heimischen Kinos?

Stermann: Auf Haneke? Wir haben kurz überlegt, den Film "Coupé" zu nennen.

Grissemann: Es ist auch ein wenig wie beim Fall Kampusch, nur umgekehrt: Ein Bub nimmt drei Männer in Gefangenschaft. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.3.2007)

Zur Person: Christoph Grissemann (40) und Dirk Stermann (41) sind durch ihre satirischen Radiosendungen auf FM4 ("Salon Helga", "Off Air, die FM4-Tagebücher") bekannt geworden.

Rezension
Das Elend der Festgefahrenen
  • Gemeinsames Leid unter drei ähnlich frustrierten Männern: Christoph Grissemann (li.), Dirk Stermann und Heinz Strunk (hinten) teilen sich in "Immer nie am Meer" einen panzerglasgesicherten Mercedes.
    foto: filmladen

    Gemeinsames Leid unter drei ähnlich frustrierten Männern: Christoph Grissemann (li.), Dirk Stermann und Heinz Strunk (hinten) teilen sich in "Immer nie am Meer" einen panzerglasgesicherten Mercedes.

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